Europas Bahnindustrie in der Zeitfalle

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Spanien

Europas Bahnindustrie in der Zeitfalle

von Clara Weber

Der Wettlauf um die Zukunft der Schiene ist längst im Gang, und Europa könnte dabei ins Hintertreffen geraten. Das ist die Kernbotschaft, die der spanische Transportminister Óscar Puente dieser Tage in Bruselas verbreitet. In Gesprächen mit EU-Transportkommissar Apostolos Tzitzikostas und der Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera appelliert er für mehr Tempo in Produktion und Zertifizierung.

Lieferprobleme sind ein europäisches Phänomen

Puente spricht aus einer "realen Besorgnis", wie er gegenüber Tzitzikostas erklärte. Die Lieferzeiten für neue Bahnen in der EU seien enorm, praktisch alle Mitgliedstaaten leiden unter verzögerten Aufträgen. Das trifft auch Spanien, wo lange auf neue Talgo-Züge für die Nahverkehrsnetze in Kantabrien und Asturien gewartet wird. Auch für die Renovierung der S-Bahnen in Madrid und Katalonien verzögert sich die Auslieferung des neuen Materials.

Die historischen Giganten der Branche – Siemens, CAF, Alstom, Talgo oder Stadler – sind laut Berichten aus dem Ministerium nicht mehr in der Lage, Züge im vertraglich vereinbarten Zeitrahmen zu liefern. Ein Problem, das nicht nur spanische, sondern europäische Aufträge betreffe. Und oft würden die Hersteller für diese Verzögerungen nicht einmal finanziell penalisiert, ein Punkt, der auch die europäische Wettbewerbspolitik unter Ribera tangiert.

Der chinesische Druck und die Airbus-Idee

Der Minister sieht die Herausforderung explizit "aus der Optik der Konkurrenz mit der chinesischen Industrie". Chinesische Hersteller liefern Bahnen deutlich schneller und oft zu halben Preisen innerhalb von sechs Monaten bis zwei Jahren. Die europäischen Lieferzeiten liegen hingegen bei bis zu 60 Monaten. "Ich bin ein Politiker, der Käufer, und ich habe nicht 60 Monate", sagte Puente nach einem Besuch beim weltgrößten Bahnhersteller in China, dessen technische Qualität und Produktionskapazität (ein Zug alle 60 Tage) ihn beeindruckte.

Eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung könnte, wie Puente in den letzten Monaten skizzierte, die Bildung eines europäischen Konsortiums im Bahnbereich sein – ähnlich dem Luftfahrt-Giganten Airbus. Ein solcher "Airbus der Schiene" könnte mehrere EU-Länder zusammenbringen, um einen wettbewerbsfähigen Hersteller zu formen, der global konkurrenzfähig ist.

Neue Regeln und klare Signale

Im Rahmen der aktuellen Gespräche in Bruselas wird auch die Rolle der Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera relevant. Ihr Bereich kontrolliert Importe von Gütern, die mit hohen staatlichen Beihilfen produziert wurden – ein Instrument, das gegen chinesische Bahnimporte eingesetzt werden könnte. Puente verteidigt jedoch nicht eine Lockerung dieser Regeln, sondern fordert vor allem interne Prozessverbesserungen.

Parallel versucht Spanien, mit härteren Strafen die Lieferdisziplin zu erhöhen. In der aktuellen Ausschreibung von Renfe für bis zu 40 neue Hochgeschwindigkeitszüge – die technischen Kriterien lassen nur europäische Hersteller teilnehmen – wurden die Vertragsstrafen für Lieferverzögerungen massiv erhöht. "Sie werden milliardenhoch sein", berichten Insider. Ein zweiter Kaufprozess für möglich bis zu 70 weitere Züge vor Ende 2026 ist in Vorbereitung.

Das Ziel ist klar: Die europäische Bahnindustrie muss ihre Prozesse von der Fertigung bis zur Zertifizierung straffen, um im globalen Wettlauf um Geschwindigkeit und Preis nicht weiter Boden zu verlieren. Der Minister setzt darauf, dass bei der nächsten ordentlichen Tagung der EU-Transportminister am 8. Juni in Bruselas konkrete Entscheidungen folgen. Die Zeit drängt, wie die Entwicklungen zeigen.


Quelle: 20minutos.es