Die Zweijahresfrist: Wenn Heimat zur Übergangslösung wird

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Katalonien

Die Zweijahresfrist: Wenn Heimat zur Übergangslösung wird

von Jonas Beck

Die Nachricht traf sie am 23. Dezember, während sie im Ausland bei ihrer Familie war. „Es war ein Schock“, berichtet eine Mieterin, die wie alle Gesprächspartner anonym bleiben möchte. Ihr Mietvertrag in einem Wohnblock im Sant Cugater Viertel Mira-sol würde nicht verlängert. Der Eigentümer: Vivenio, einer der größten institutionellen Wohnungsbesitzer Spaniens. Für die Familie war das mehr als nur eine Kündigung. Es warf existenzielle Fragen auf. Sollte sie mit den Kindern vorübergehend ins Ausland gehen, während ihr Ehemann in Katalonien weiterarbeitete? Eine radikale Idee, geboren aus der Verzweiflung, in der angestammten Stadt keine bezahlbare Alternative zu finden.

Systematisches Vorgehen statt Einzelfall

Dieser Fall ist kein isolierter Vorfall. Wie mehrere betroffene Mieter des Gebäudes gegenüber unserer Redaktion schildern, lässt Vivenio dort systematisch Mietverträge auslaufen. Zwar gewährt das Unternehmen auf Antrag die gesetzlich vorgesehene außerordentliche Verlängerung von zwei Jahren für angespannte Wohngebiete. Doch die schriftlichen Mitteilungen seien unmissverständlich: Nach Ablauf dieser Frist ist keine weitere Verlängerung mehr vorgesehen.

„Es gibt nichts Schlimmeres, als wegziehen zu müssen, von einem Ort, von dem man nicht wegwill“, fasst eine andere betroffene Mutter die Gefühlslage zusammen. Sie lebt seit 15 Jahren in Sant Cugat, zog damals bewusst in die grüne und ruhige Stadt, um eine Familie zu gründen. Heute zahlt sie über 1.200 Euro Miete und sieht trotz ihres festen Jobs als Lehrerin „keinerlei Möglichkeit“, eine vergleichbare Wohnung in der Stadt zu finden. „Man überlebt. Mehr kann man nicht tun“, beschreibt sie ihren Zustand.

Die menschlichen Kosten der Vertragspolitik

Hinter der vertraglichen Ebene offenbart sich ein soziales Problem. Viele der betroffenen Haushalte sind seit Jahren ortsgebunden. Ihre Kinder gehen in Sant Cugat zur Schule, medizinische Behandlungen und Therapien sind auf Einrichtungen vor Ort ausgerichtet. Eine Mieterin schildert den Fall ihrer Tochter, die seit Jahren spezielle Förderung in der Stadt erhält: „Jetzt, wo es ihr endlich besser geht, ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, alles aufzugeben.“

Die zweijährige Frist wird dabei als Atempause, nicht als Lösung empfunden. Die Unsicherheit bleibt und nagt an den Familien. „Es ist ein Leben auf Probe“, erklärt eine der Frauen. Die ständige Sorge, in zwei Jahren erneut mit einer unbezahlbaren Marktsituation konfrontiert zu sein, lähme die Zukunftsplanung.

Vom Wohnhaus zur anonymen Anlage?

Die Mieter beobachten zudem einen strukturellen Wandel im Gebäude. Seitdem Vivenio die Verträge nicht mehr unbefristet verlängert, habe sich die Gemeinschaft aufgelöst. „Früher kannte man sich alle. Heute weiß man nicht mehr, wer hier wohnt“, berichtet eine langjährige Bewohnerin. Im Parkhaus stehe ein Drittel der Plätze leer, seitdem Wohnungen nach Auszug der Altmieter nicht dauerhaft neu vermietet würden.

Stattdessen berichten sie von einer Zunahme temporärer Nutzungen und einer steten Fluktuation. Zugleich klagen sie über Vernachlässigung bei der Instandhaltung: Heizungs- und Warmwasserprobleme oder andere Mängel würden teils über Wochen nicht behoben. Die Angst der verbliebenen Familien ist konkret: dass ihre langjährige Wohnheimat in den nächsten Jahren vollständig zu einer anonymen, gewinnorientierten Anlage mit ständig wechselnden Mietern umgewandelt wird. „Es werden Gemeinschaften zerstört“, so das bittere Fazit einer Betroffenen.

Hintergrund: Die Akteure hinter Vivenio

Vivenio agiert nicht als klassischer Privatvermieter. Das Unternehmen wurde 2017 als SOCIMI (eine börsennotierte Immobilieninvestmentgesellschaft) gegründet und wird fast vollständig von zwei großen Pensionsfonds kontrolliert: der niederländischen Vermögensverwaltung APG Asset Management und dem australischen Fonds Aware Super, die jeweils etwa 49 % der Anteile halten.

Das Geschäftsmodell ist „Build-to-Rent“: die Errichtung und Bewirtschaftung ganzer Wohnblöcke ausschließlich für die Vermietung. Nach eigenen Angaben verwaltet Vivenio Immobilienwerte von über 1,8 Milliarden Euro in Städten wie Madrid und Barcelona. Der Konflikt in Sant Cugat steht im Einklang mit öffentlichen Vorwürfen des Mietervereins „Sindicat de Llogateres“, der Vivenio in mehreren katalanischen Gemeinden vorwirft, gezielt auf ein Modell mit kürzeren Mietdauern hinzuarbeiten.

Die betroffenen Familien in Sant Cugat stehen somit nicht nur einem einzelnen Unternehmen, sondern einer globalisierten Investorenlogik gegenüber. Ihre zweijährige Galgenfrist ist ein Symptom eines Marktes, in dem langfristiges Wohnen zunehmend der Renditeerwartung internationaler Fonds untergeordnet wird.


Quelle: cugat.cat

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