Die Sucht im Handy: Warum wir die digitale Entmündigung der Jugend beenden müssen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Katalonien

Die Sucht im Handy: Warum wir die digitale Entmündigung der Jugend beenden müssen

von Redaktion

Das Smartphone als Schauplatz des häuslichen Krieges

Die Zahlen sind kein Alarm, sie sind die Brandmeldung selbst: 35 Prozent der Sekundarschüler in Katalonien verbringen am Wochenende mehr als sechs Stunden täglich in sozialen Netzwerken. Unter der Woche sind es im Schnitt fast fünf Stunden. Diese Daten der Generalitat de Catalunya sind keine Kuriosität, sie markieren den Normalzustand einer Generation, für die der digitale Raum zur primären Wirklichkeit geworden ist. "Das Handy ist der große Streitpunkt zuhause", stellt Roger Ferrer, Psychologe der Beratungsstelle 1SEGON in Sant Cugat, fest. Seine Diagnose ist scharf: "Der Beginn der Nutzung wurde nicht ausreichend verzögert. Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren sind einfach nicht reif genug für diese Art von Selbstkontrolle."

Doch während Elternhäuser und Schulen hilflos mit den Folgen kämpfen, bietet die Tech-Industrie weiterhin das perfekte Rauschmittel an: endloses Scrollen, optimiert für maximale Aufmerksamkeit. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Problem existiert, sondern wer endlich die Verantwortung dafür übernimmt.

Nomophobie: Wenn die Angst vor der Leere das Leben bestimmt

Der Begriff klingt nach Modediagnose, beschreibt aber ein sehr reales Leid: die irrationale Angst, ohne Mobiltelefon zu sein. "Die Angst ist der Haupteffekt, wenn man das Handy weglegt – wie bei allen Abhängigkeiten", erklärt Dr. Álvaro Muro vom Zentrum für Drogenabhängigkeit (CAS). Hier zeigt sich die perfide Gleichsetzung: Die digitale und die chemische Sucht folgen denselben Mustern. Ferrer beobachtet zudem eine bedrückende Begleiterscheinung: "Die Nutzer berichten zunehmend von Gefühlen der Einsamkeit und Traurigkeit." Eine gefährliche Gemengelage, besonders für junge Menschen mit psychischen Vorerkrankungen.

Die Jugendlichen selbst bewegen sich in einem paradoxen Spannungsfeld. Zwei Mitglieder des Jugendrates von Sant Cugat, Biel (15) und Mario (17), die laut eigener Aussage ihr Gerät "mindestens drei Stunden am Tag" konsultieren, bringen es auf den Punkt. Sie fordern zu Recht: Die Erwachsenen sollten Vorbilder sein. Gleichzeitig sehen sie das Handy unausweichlich als Zukunftswerkzeug. Eine Zukunft, in der, so Dr. Muro, der suchthafte Gebrauch jedoch genau das verhindert: "Er limitiert soziale Beziehungen, weil man es gewohnt ist, mit einer Maschine zu sprechen."

Der Irrweg der individuellen "Selbstfürsorge"

Die gängige Antwort auf die Krise ist bequem und entlastet vor allem die Gesellschaft: Sie lautet "Eigenverantwortung". Die Berater von 1SEGON empfehlen zwar zu Recht, ein reiches Offline-Leben aufzubauen und digitale "Detox"-Phasen einzulegen. Doch dieser Fokus auf die individuelle "Autocura" – die Selbstfürsorge – ist eine Kapitulation vor der strukturellen Dimension des Problems.

Es ist absurd, von einem 14-Jährigen zu erwarten, er solle sich gegen Algorithmen wehren, die von hochbezahlten Ingenieuren entwickelt wurden, um seine Aufmerksamkeit gefangen zu halten. Die Forderung nach Selbstkontrolle angesichts einer Technologie, die auf den Bruch ebenjener Kontrolle ausgelegt ist, ist zynisch. Wir behandeln die Symptome beim Einzelnen, während wir die Ursachen im System heiligsprechen.

Der Staat muss eingreifen – und zwar jetzt

Die Stadt Sant Cugat hat den Missbrauch von sozialen Netzwerken und Bildschirmen bei Kindern und Jugendlichen immerhin zum Problem der öffentlichen Gesundheit erklärt. Ein erster, symbolischer Schritt. Dr. Muro geht weiter und fordert eindeutig: "Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, müssen wir mit Gesetzen etwas bewegen." Er spricht damit aus, was viele denken, aber zu selten laut sagen: Die freiwillige Selbstverpflichtung der Plattformen ist gescheitert. Die angebotenen Kindersicherungen sind oft umständlich und leicht zu umgehen.

Die Ankündigung der spanischen Regierung, den Zugang zu sozialen Netzwerken für unter 16-Jährige per Gesetz zu beschränken, ist ein notwendiger, wenn auch stumpfer Pflock. Wie Muro richtig einwendet: "Zu verbieten, weil man die nötige Erziehung vorher nicht umgesetzt hat, bringt immer nur relative Ergebnisse." Ein Verbot allein ist keine Lösung, aber es ist eine unverzichtbare Leitplanke, innerhalb derer Erziehung und Aufklärung überhaupt erst wirksam werden können. Wir brauchen eine digitale Verkehrserziehung – und klare Regeln für die Hersteller dieser psychologischen Kampffahrzeuge, die wir Smartphones nennen.

Die Jugend steckt in der Falle zwischen einem realen Leben, das ihnen oft wenig Halt bietet, und einer digitalen Welt, die ihnen unbegrenzte – aber leere – Verbindung verspricht. Sie brauchen keine wohlmeinenden Ratschläge zum "richtigen" Umgang. Sie brauchen eine Gesellschaft, die endlich den Mut fasst, den digitalen Wildwest zu zähmen und ihr Wohl über die Profitinteressen der Aufmerksamkeits-Ökonomie zu stellen. Die Zeit des freundlichen Appells ist vorbei. Es ist Zeit für klare Kante.

Quellen: Studie zur Drogennutzung im Sekundarbereich der Generalitat de Catalunya; Aussagen von Roger Ferrer, Psychologe der Beratungsstelle 1SEGON Sant Cugat; Dr. Álvaro Muro, Koordinator des Centre d'Atenció i Seguiment a les Drogodependències (CAS); Statements von Mitgliedern des Jugendrats Sant Cugat.