Die Steuerzuckerbrote haben ein bitteres Ende

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Spanien

Die Steuerzuckerbrote haben ein bitteres Ende

von Sabine Keller

Die Statistik lügt, die Politik lenkt

Die offizielle Zahl ist verführerisch stabil: 3,2 Prozent Inflation im Mai, genau wie im April. Das Instituto Nacional de Estadística (INE) verkündet diese Ruhe auf der Preisfront. Doch diese Ruhe ist eine Fata Morgana, ein durch staatliche Interventionen kunstvoll erzeugtes Stillstandsbild. Der wahre Motor der aktuellen Preisstabilität ist nicht eine gesunde Wirtschaft, sondern ein massiver Steuerrabatt auf Energie – ein politisches Zuckerbrot, das am kommenden Montag bereits das erste Bisschen bitterer Realität zurückbringt.

Das kurze Leben der Steuer-Subventionen

Die Regierung hat mit einem Paket aus reduziertem Strom- und Gas-Ökostromsteuer, gesenktem Strom-VAT und suspendiertem Erzeugungssteuer die Energiepreise so stark manipuliert, dass sie im Mai sogar unter denen des Vorjahres liegen. Das ist staatliche Preisgestaltung, kein Marktergebnis. Diese Maßnahmen waren eine Reaktion auf den Krieg im Iran und die Blockade des strategischen Ölkorrids im Golf von Oman, durch welchen vor dem Konflikt 20 Prozent des globalen Ölhandels flossen. Doch diese Pillen sind nur für kurze Zeit verschrieben. Am 1. Juni fallen die Steuererleichterungen für Strom, Gas, Briketts und pellets weg – eine „automatische“ Erhöhung der Endkundenpreise ist die unmittelbare Folge. Nur die Steuersenkung auf Kraftstoffe bleibt, ironisch genug, für das Produkt, das den Konflikt am direktesten spürt, noch etwas erhalten. All diese Maßnahmen laufen am 30. Juni aus, wenn die Regierung sie nicht erneuert.

Der Rückzug wird einen Preisschock bringen

Wer jetzt die 3,2 Prozent als Erfolg feiert, ignoriert die Dynamik im System. Die Stabilisierung ist ein administrativer Puffer, nicht eine ökonomische Heilung. Das Forschungszentrum Funcas, das auch die alte Erwartung eines Anstiegs auf 3,4 Prozent im Mai revidieren musste, prognostiziert klar: Wenn die Steuererleichterungen nicht verlängert werden, wird die Inflation im August auf 4,3 Prozent schießen. Dieser „Rebound-Effekt“ ist die unausweichliche physikalische Reaktion, wenn der staatliche Preis-Dämpfer entfernt wird. Erst im September 2025 sollen die Preise wieder auf das wünschenswerte Niveau der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent fallen. Das ist eine lange Durststrecke für jeden Haushalt.

Der kleine Puffer in der Küche

Ein kleiner Lichtblick kommt aus der Lebensmittelkorb-Statistik: Die Jahresrate für die „cesta de la compra“ blieb im Mai ebenfalls stabil bei 2,6 Prozent. Doch diese momentane Plateu liegt auf einem gigantischen Berg: Die Preise für Nahrungsmittel und Getränke sind seit Mai 2019 um 42 Prozent gestiegen – eine Wertsteigerung, die die Lohnentwicklung in diesem Zeitraum lächerlich weit hinter sich lässt. Das ist kein „kleiner Puffer“, sondern ein Hinweis auf eine strukturelle Einkommensschwäche der Bürger.

Die Regierung dialogisiert mit den sozialen Agenten über eine mögliche Verlängerung der Maßnahmen. Doch das ist Politik auf Zeit. Die wahre Frage ist: Was passiert, wenn der Staat nicht mehr mit Steuergeschenken die Preise kontrollieren kann? Dann zeigt die Statistik wieder ihr wahres, ungeschöntes Gesicht – und das wird schmerzhaft sein.

Quellen: Daten des Índice de Precios de Consumo (IPC) vom Instituto Nacional de Estadística (INE); Prognosen und Analysen des Forschungszentrums Funcas; Bekanntgabe der Regierung über den Auslauf der Steuererleichterungen für Energie.


Quelle: 20minutos.es