Die EU erklärt dem Wegwerfplastik den Krieg

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Spanien

Die EU erklärt dem Wegwerfplastik den Krieg

von Sabine Keller

Wer ein Plastikfläschchen Duschgel aus dem Hotel mitnimmt, wird das bald nicht mehr können. Und wer Äpfel an der Kasse aus der Folie popelt, muss sich etwas anderes einfallen lassen. Die EU hat beschlossen, der Wegwerfmentalität den Kampf anzusagen. Das ist überfällig – aber es wird nicht schön. Am 12. August beginnt die große Verpackungsrevolution, und ihr erster sichtbarer Ausdruck ist ein Etikettendschungel, der Verbraucherinnen und Verbraucher erst einmal ratlos zurücklassen dürfte.

Farben, Symbole, offene Fragen

Wie 20minutos.es berichtet, werden vom 12. August an sämtliche Verpackungen, die in der EU auf den Markt kommen, mit einer neuen Kennzeichnungspflicht belegt. Eine schlichte Flasche kann künftig bis zu 24 verschiedene Label tragen, je nach Zusammensetzung. Selbst beim Glas wird unterschieden zwischen farblos, gefärbt, Grün und Braun. Die Mülltonnen sollen im nächsten Jahr dieselben Symbole zeigen, damit jeder erkennt, was wohin gehört.

Das klingt nach Ordnung, ist aber in der Praxis ein Abenteuer. Es wird nicht für jedes Material einen eigenen Container geben, die Etiketten werden kombiniert – und manchmal widersprechen sie sich. Was passiert dann? Der Verbraucher wirft das Teil in den Behälter mit dem Hauptmaterial. Das ist keine Revolution, sondern Pragmatismus. Doch wer ehrlich ist, muss zugeben: Ohne diese Transparenz lässt sich nicht einmal die Industrie zur Offenheit zwingen.

Die neue Verordnung verlangt nämlich mehr als hübsche Farben. Ab Mittwoch müssen alle neuen Verpackungen grundsätzlich recycelbar sein – auch wenn konkrete Zielvorgaben erst später gestaffelt wirksam werden. Und bei den Chemikalien setzt die EU eine Grenze: Die Konzentration der als „ewige Schadstoffe“ geltenden PFAS darf künftig nicht mehr als 50 Prozent betragen. Das sind harte regulatorische Ansagen, so ungemütlich sie manchen Konzernen auch sein mögen.

Die Industrie stöhnt – und Greenpeace irrt

Von „größter Transformation seit 30 Jahren“ ist in der Branche die Rede, von „riesiger Dimension“ und „offenen Fragen“. Die EU müsse per delegiertem Rechtsakt noch eine Menge klären, sagt die Wirtschaft. Das mag stimmen, aber es ist kein Grund, die Verordnung schlechtzureden. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass bei der Umsetzung noch nachgebessert werden muss, zeigt, wie tief der Einschnitt ist. Wer jahrzehntelang mit Einwegplastik geplant hat, darf sich nicht wundern, wenn der Umstieg wehtut.

Besonders bemerkenswert ist das Prinzip „Wer verschmutzt, zahlt“: Die Hersteller sollen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Verpackung verantwortlich sein – vom ressourcenschonenden Design bis zum Recycling. Das ist keine Bevormundung, sondern die längst überfällige Abrechnung mit einem System, das uns die Müllberge der vergangenen Jahrzehnte beschert hat. Und wer jetzt jammert, sollte sich fragen, warum er nicht längst freiwillig auf nachhaltige Materialien umgestellt hat.

So richtig die Kritik an der Industrie ist, so daneben liegt Greenpeace. Die Umweltorganisation nennt die Verordnung „eine verpasste Chance“ – zu wenig Plastikrückbau, zu lasche Ziele. Wer das 5-Prozent-Plastikreduktionsziel für 2030 und die 15 Prozent für 2040 für zu mickrig hält, verkennt, dass diese Verordnung keine Absichtserklärung ist, sondern ein Zwangssystem. Sie verbietet nicht nur, sie setzt Anreize, erzeugt Druck, erschwert Ausweichmanöver.

Zudem gilt: Wenn nur ein einziges EU-Land die Recyclingziele für einen Verpackungstyp verfehlt, kann das Produkt europaweit vom Markt genommen werden. Das ist brutal. Es ist aber genau das, was man braucht, um die 27 Mitgliedstaaten auf einen gemeinsamen Standard zu verpflichten. Wer hier weiter von einer „verpassten Gelegenheit“ spricht, hat nicht verstanden, wie politische Dynamik entsteht.

Der Alltag ändert sich – konkreter als gedacht

Die gute Nachricht für alle, die unter dem Bürokratie-Wortschwall der EU nur das große Ganze suchen: Die Verordnung wird im Alltag spürbar werden, Schritt für Schritt. Ab 2027 müssen Restaurants, Cafés und Hotels es akzeptieren, wenn Gäste ihr eigenes Behältnis für Essen zum Mitnehmen an die Theke stellen. Ein Jahr später haben Verbraucher dann das Recht, ihre Take-away-Gerichte ausdrücklich in wiederverwendbaren Verpackungen zu verlangen. Auch Teebeutel müssen ab 2028 kompostierbar sein; ob die Pflicht auch Kaffeekapseln erfasst, ist noch unklar.

Und 2030? Dann zeigt die EU, dass sie Ernst macht: Obst und Gemüse unter 1,5 Kilogramm dürfen nicht mehr in Plastik eingeschweißt werden. Plastikringe, die Sechserträger zusammenhalten, werden verboten. Leichte Plastiktüten unter 15 Mikrometern verschwinden – außer sie sind zertifiziert kompostierbar. Und die kleinen Shampoo- und Duschgelflaschen aus Hotels, einst Synonym kostengünstiger Gastfreundschaft, werden endlich Geschichte.

Der Müll ist der Feind, nicht die Verordnung

Ja, das alles ist kompliziert. Es ist ungleichzeitig, teilweise widersprüchlich, und die EU-Kommission muss nachbessern, bis die letzte Etikettenfarbe sitzt. Aber wer jetzt die Nase über Brüssel rümpft, sollte sich die Alternative vor Augen führen: ein Fortschritt ohne jede Regulierung, bei dem die Industrie weiter Plastik in Umlauf bringt, das niemand wiederverwerten kann.

Die Verordnung ist kein revolutionärer Wurf – sie ist ein notwendiger, überfälliger Einstieg in ein anderes Wirtschaften. Sie wird nicht perfekt sein. Aber zum ersten Mal definiert Europa nicht mehr nur, was Müll darf, sondern was Müll bleibt, bevor er entsteht. Das ist mehr als Bürokratie. Das ist ein Richtungswechsel.

Quellen:


Quelle: 20minutos.es