
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die enteignete Generation: Warum junge Menschen nur noch mieten können
Vom Eigentümer zum ewigen Mieter: Eine historische Zäsur
Die Parole „My Home is my Castle“ ist für die jüngeren Generationen endgültig passé. Was früher als selbstverständlicher Schritt in das Erwachsenenleben galt – der Erwerb einer eigenen Immobilie –, ist heute für die meisten jungen Menschen eine unerreichbare Utopie. Stattdessen definiert der Mietvertrag ihre Lebensrealität. Eine Untersuchung des Consejo de la Juventud de España (CJE), Fad Juventud und Oxfam Intermón belegt diesen Bruch mit erschreckender Deutlichkeit: Zwei von drei jungen Spaniern zwischen 25 und 29 Jahren sind heute Mieter. Vor zwei Jahrzehnten war es genau umgekehrt – zwei Drittel waren in diesem Alter bereits Eigentümer.
Diese Zahlen sind kein Zufall, sondern das direkte Erbe verfehlter Politik und ökonomischer Schocks. Die Studie identifiziert die Kohorte der zwischen 1985 und 1989 Geborenen als erste „Generation der Enteigneten“. Sie war es, die mit Ende zwanzig erstmals mehrheitlich zur Miete wohnte (56%) als im Eigentum (44%). Der Grund? Die „regressiven Auswirkungen der Austeritätspolitik nach der Großen Rezession“, wie es in dem Bericht heißt. Die Finanzkrise von 2008 war die Zäsur: Sie verknappte den Kredit, trieb die Mieten hoch und frohr die Löhne ein. Seitdem ist der Traum vom Eigentum für viele geplatzt.
Der Preis der „Stabilität“: Warum ein Festvertrag keine Wohnung kauft
Besonders zynisch ist eine weitere Erkenntnis der Analyse: Junge Menschen heute haben eine deutlich höhere Chance auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag als ihre Vorgänger – und trotzdem weniger Wohneigentum. Während nur 47% der um 1985 Geborenen mit 25-29 einen Festvertrag hatten, sind es bei der Kohorte 1995-1999 bereits 63%. Ein Erfolg der Arbeitsmarktreformen? Mitnichten. Denn diese formale Stabilität garantiere „in diesem Kontext keine Stabilität für das Leben“, stellt der Bericht klar.
Der Grund ist simpel und brutal: Die explodierenden Wohnkosten fressen jeden Fortschritt beim Einkommen auf. In den letzten zehn Jahren stiegen die Mieten um satte 77%, während das verfügbare Haushaltseinkommen lediglich um 33% zulegte. Ein junger Durchschnittshaushalt muss konstant 40% bis 50% seines Einkommens für die Miete opfern – bei Alleinstehenden sind es seit 2017 sogar über 80%. Die empfohlene Schmerzgrenze von 30% wird damit systematisch und strukturell ignoriert. Das ist keine Marktentwicklung, das ist systemischer Diebstahl an der Zukunft einer Generation.
Kein Ausweg in Sicht: Die Miete als Motor der Ungleichheit
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine doppelte Falle. Der Mietmarkt, so die Studie, habe eine „zentrale und duale Rolle“ eingenommen: Er ist zum einen der einzige verbliebene Mechanismus, um überhaupt aus dem Elternhaus auszuziehen. Gleichzeitig ist er aber zum „Schlüsselmechanismus der Ungleichheit“ geworden. Wer reiche Eltern hat oder selbst gut verdient, kann vielleicht noch Eigentum erwerben oder eine erschwingliche Miete finden. Für alle anderen bleibt nur der Verzicht oder die enorme finanzielle Belastung.
Die Emanzipationsrate der unter 30-Jährigen liegt mit 15,2% auf einem absoluten Tiefpunkt. Und der Trend setzt sich jenseits der Dreißig fort: Von den zwischen 1990 und 1994 Geborenen leben mit 30-34 Jahren nur noch 49% im Eigentum – gegenüber 78% in der Generation ihrer Eltern. Die Botschaft ist klar: Was als temporäre Krise nach 2008 begann, hat sich als dauerhafter Zustand etabliert. Eine ganze Generation wird vom Eigentums- zum Mietvolk degradiert, entmündigt und in die permanente finanziellen Abhängigkeit getrieben. Das ist das wahre Vermächtnis der letzten zwei Jahrzehnte – und es ist eine politische Bankrotterklärung.
Quelle: Studie „¿Generación Inquilina?“ des Consejo de la Juventud de España (CJE), Fad Juventud und Oxfam Intermón, veröffentlicht im Juni 2024.
Quelle: 20minutos.es