
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Blindflug in der Katastrophe
„Wir arbeiteten a ciegas“
Die Zeugenbank im spanischen Kongress ist kein Ort für milde Worte. José Miguel Basset, am Tag der verheerenden DANA im Oktober 2024 noch Chef des Provinzialen Feuerwehrkonsortiums von Valencia, nutzte sie diese Woche für eine klare und konfrontative Analyse. Vor der Untersuchungskommission zur Krisenmanagement stellte er ein Bild des Chaos, geprägt von Informationsblockaden und fatalem Blindflug. Seine Kernaussage, wie von Europa Press berichtet, ist erschütternd klar: Das zentrale Koordinierungszentrum Cecopi operierte ohne die notwendigen Daten – „a ciegas“.
Gegenpositionen konfrontiert
Basset konfrontierte direkt die Vorwürfe des angeklagten ehemaligen autonomen Sekretärs für Notfälle, Emilio Argüeso. Argüeso behauptete, Basset habe die Rückziehung der Waldbrandbekämpfer aus dem Barranco del Poyo kurz vor 15 Uhr am 29. Oktober selbst angeordnet. Bassets Antwort war ein schneidendes „absolutamente falso“. Er habe nie von der Mobilisierung dieser Einheiten – die um 12.50 Uhr dort ankamen – oder ihrer Rücknahme gehört, niemand habe ihn über ihre Messungen konsultiert. „Wenn ich Informationen dieses Kalibers gehabt hätte“, sagte er, „hätte ich sie ohne Zweifel als prioritär auf den Tisch gelegt.“
Die schicksalhafte Entscheidung, die Einsatzkräfte abzuziehen, sei in einem Kommunikations-Moment des Stillstands gefallen, nachdem die Kollegen sinkende Pegel gemeldet und nach Instruktionen gefragt hatten. Ein Kommunikationsoperator habe dann einem Vorgesetzten gesagt, sie könnten „in Erwartung weiterer Aufgaben“ zurückkehren, weil „was herunterkam, wichtig war“. Basset erfuhr dies erst später durch journalistische Recherchen und das Hören der Aufnahmen.
Systematischer Informationsbruch
Der eigentliche Skandal liegt tiefer. Basset beschrieb einen systematischen Bruch in der Informationskette. Die kritischen Daten – etwa von der Hidrográfica del Júcar (CHJ) oder der Meteorologieagentur AEMET – wurden nicht in analysierter, handlungsleitender Form an das Cecopi weitergeleitet. „Es gab keinen technischen Analyse, der Regenfälle in Vorhersagen von Wasserständen oder betroffenen Zonen verwandelte“, stellte er fest. Die CHJ konzentrierte ihre Informationen ausschließlich auf das mögliche Überlaufen der Forata-Talsperre. Über die kritische Situation im Barranco del Poyo sagte sie nichts. „Die Schüsse gingen woanders hin“, kommentierte Basset sarkastisch. Man musste ihnen „die Daten herausreißen“ über Zufluss und Abfluss.
Die Folge: Das operative Herz der Krisenantwort hatte keine Lagekarte. Basset selbst erhielt erst am nächsten Tag, gegen 16 Uhr während eines Fluges, einen detaillierten Eindruck der Katastrophe. Die einzige konkrete Warnung, die das Cecopi erreichte, war der Hinweis der CHJ, dass die Forata-Talsperre „ins Garete gehen könnte“.
Politik versus operative Realität
Basset distanzierte sich deutlich von der politischen Darstellung der Ereignisse. Er war, wie er betonte, „nicht der technische Direktor der Notlage, oder etwas, was sich dem ähnelt“. Die Generalitat Valenciana müsse erklären, warum sie ihn als „cabeza de turco“ – als Sündenbock – positioniert habe. Er habe nie Hilfsangebote anderer Feuerwehrkörper abgelehnt, sondern nur organisatorischen Spielraum gebraucht: „Potenz ohne Kontrolle ist nichts.“ Er musste improvisieren, ein eigenes System für die Koordination der überbordenden Hilfe erfinden.
Ein besonders bemerkenswerter Moment der Desinformation war der direkte Anruf des Bürgermeisters von Utiel, Ricardo Gabaldón, um 14.30 Uhr bei Basset persönlich, um die Mobilisierung der Militäreinheit UME zu verlangen. Basset wurde klar, dass etwas passierte, von dem er im Cecopi keine Kenntnis hatte. Er fand es seltsam, dass der Bürgermeister direkt zu ihm kam, um zu sagen, dass sie „ersticken“.
Die verspätete Warnung
Auch die verspätete Ausgabe der Es-Alert-Warnung an die Bevölkerung wurde thematisiert. Basset und der Unterdirektor für Notfälle, Jorge Suárez, hatten den Text um 18.15 bereits konsensualisiert. Doch die Warnung ging erst um 20.11 heraus. Basset wusste nicht, warum. Der erste Text von Suárez, nach einer „very generischen“ Information über die Forata-Situation, wurde mit Schweigen beantwortet. Basset verfasste dann, basierend auf den unpräzisen Daten der CHJ, selbst drei Linien – die maximale Länge, die eine klare, handlungsorientierte Warnung ohne Zweifel ermöglicht.
Die Aussagen von Basset stellen nicht nur einzelne Vorwürfe in Frage. Sie zeichnen das Bild eines Notfallsystems, dessen Sensoren – die Datenquellen – und dessen Nervenzentrum – das Cecopi – während der größten Krise nicht miteinander kommunizierten. Die Einsatzkräfte an der Front, wie im Poyo, wurden dadurch in eine gefährliche Informationsblase gestellt. Die politische Führung suchte später Schuldige in der operativen Ebene. Bassets Auftritt war eine Abrechnung mit dieser Logik und eine scharfe Mahnung: Ohne einen funktionierenden, analytischen Informationsfluss ist jede Krisenreaktion ein Blindflug – mit potenziell tödlichen Folgen.
Quellen: Europa Press, Aussagen von José Miguel Basset vor der Untersuchungskommission des Kongresses zur DANA-Krise vom 27. April 2025.