
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Bahnindustrie schiebt Schuld für Zugverzögerungen zurück
Wenn der Minister zum Prügelknaben greift
Verkehrsminister Óscar Puente hat ein einfaches Feindbild: die Bahnhersteller. Seit Monaten tourt er durch Europa und prangert deren mangelnde "industrielle Kapazität" an. Die Lieferverzögerungen bei neuen Zügen, ein europaweites Ärgernis, lägen vor allem in den Fabrikhallen begraben. Eine bequeme Erzählung, die politisch entlastet. Doch die Industrie wehrt sich jetzt scharf gegen diese Stigmatisierung. Der spanische Bahnindustrieverband Mafex, in dem Giganten wie Alstom, Talgo und CAF versammelt sind, kontert: Die Analyse des Ministers sei schlichtweg "eine zu starke Vereinfachung".
Hier wird nicht einfach nur widersprochen, hier wird der Finger in eine tiefere Wunde gelegt. Der Vorwurf der Industrie richtet sich nicht nur gegen die politische Rhetorik, sondern gegen ein fundamentales Systemversagen. Es ist der Klassiker in komplexen Projekten: Der Schuldige wird schnell gefunden, die wahren Ursachen bleiben im Dunkeln.
Der eigentliche Engpass liegt nicht in der Fabrik
Mafex lenkt den Blick auf das, was nach der Produktion kommt: ein undurchdringlicher Dschungel aus Validierungen, Homologationen und behördlichen Zulassungen. Diese Prozesse, so der Verband, seien von nationalen und europäischen Regeln geprägt und lägen in der Hand verschiedener öffentlicher Infrastrukturbetreiber. Ein komplexes Geflecht, das Zeit frisst. Und dieser Befund ist nicht einmal neu. Selbst Minister Puente musste kürzlich vor seinen europäischen Kollegen zugeben, dass die Zertifizierungsprozesse dringend beschleunigt werden müssten.
Doch die Kritik der Industrie geht noch einen Schritt weiter. Sie richtet sich auch an die Besteller, also die Bahnbetreiber und – oft genug – den Staat selbst. In einem globalen Boom, in dem die Nachfrage nach Schienenfahrzeugen weltweit explodiert, sei eine bessere Planung der Aufträge unerlässlich. Die Forderung ist klar: Die öffentliche Hand muss für "größere Sichtbarkeit der künftigen Nachfrage" sorgen. Kurz: Wenn der Staat als Kunde chaotisch bestellt, kann die Industrie nicht planmäßig liefern.
Ein Ruf nach gemeinsamem Blick statt Schuldzuweisung
Während Puente die europäische Bahnindustrie pauschal als nicht mehr wettbewerbsfähig abstempelt, pocht Mafex auf einen "gemeinsamen Ansatz". Man wolle nicht die Probleme leugnen, sondern sie in ihrer gesamten Breite identifizieren. Der Verband verweist stolz auf über 40.000 Arbeitsplätze und weltweite Projekte der spanischen Branche. Die Debatte über Wettbewerbsfähigkeit und Lieferzeiten begrüßt er ausdrücklich – aber sie solte sachlich und auf Faktenbasis geführt werden, nicht als politisches Pingpong.
Die Kernbotschaft der Hersteller ist daher eine andere, als der Minister sie hören will: Die Lösung liegt nicht im einfachen Prügeln auf die Fabriken. Sie liegt in einer Reform der trägen bürokratischen Maschinerie nach der Produktion und in einer verantwortungsvolleren, vorausschauenden Auftragspolitik der öffentlichen Auftraggeber vor der Produktion. Solange diese Forderungen ignoriert werden, bleibt die Diskussion Stückwerk – und die Züge stehen weiter in der Warteschleife.
Quellen: Mafex (Verband der spanischen Bahnindustrie), Aussagen von Verkehrsminister Óscar Puente vor dem EU-Verkehrsrat, Berichte über die Sitzung des EU-Verkehrsrates in Luxemburg.
Quelle: 20minutos.es