WG-Zimmer fressen das Gehalt auf

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

WG-Zimmer fressen das Gehalt auf

von Sabine Keller

Das Märchen von der billigen WG

„Zimmer zu vermieten, 600 Euro, zentral“ – solche Anzeigen gelten längst als Schnäppchen. Doch wer glaubt, mit einem WG-Zimmer sei das Wohnungsproblem gelöst, irrt gewaltig. Eine gemeinsame Studie von Fotocasa und Infojobs belegt, was viele Mieter längst schmerzhaft spüren: Selbst eine möblierte Kammer frisst in den teuren Regionen mehr als ein Viertel des Bruttogehalts auf. In Barcelona sind es 28 Prozent, in Madrid 26 Prozent, in Álava und auf den Balearen ebenfalls über 25 Prozent. Die vermeintliche Alternative zum teuren Appartement entpuppt sich als Notlösung, die keine ist.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

Die Rechnung ist einfach: Ein kompletter 80-Quadratmeter-Neubau kostet im Schnitt 1.137 Euro – das sind 50 Prozent des Durchschnittsgehalts von 2.278 Euro brutto. Ein WG-Zimmer liegt bei 521 Euro, also 23 Prozent. Klingt erstmal human. Doch die Realität sieht anders aus: Wer in Barcelona ein Zimmer sucht, zahlt 646 Euro – und das bei einem Gehalt, das nicht mitzieht. „Während das Alleinleben die Hälfte des Einkommens verschlingt, erlaubt die WG zumindest, die Schwelle von 30 Prozent nicht zu reißen“, sagt María Matos von Fotocasa. Doch genau dieser Satz ist der Hohn: Die WG wird nicht gewählt, sie wird erzwungen. Und selbst dieser Zwang reicht in Spitzenlagen nicht aus, um die magische Grenze zu unterschreiten.

Die Politik spielt Klavier, während die Mieter brennen

Was die Studie zusätzlich entlarvt: Die Differenz zwischen WG-Zimmer und Vollwohnung wächst, in Valencia liegt sie bei 74 Prozent. Das klingt nach Entlastung, ist aber ein Alarmzeichen. Denn je größer die Kluft, desto klarer wird: Die Politik hat jahrelang versagt. Statt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird die Gesellschaft in beengte WGs getrieben – nicht mehr nur Studenten, sondern längst auch fest angestellte Arbeitnehmer. Monika Pérez von Infojobs bringt es auf den Punkt: „Diese Form der Notunterkunft ist keine vorübergehende Jugendphase mehr, sondern ein Dauerzustand für eine ganze Generation.“ Wer jetzt noch argumentiert, der Markt reguliere sich selbst, ignoriert, dass 14 Provinzen beim Alleinleben über 40 Prozent des Gehalts fordern – in Gipuzkoa, Málaga oder Las Palmas sind es sogar über 50 Prozent.

Verdrängte Intimität, verlorene Zukunft

Die Rechnung geht nicht auf. Denn WG bedeutet Verzicht: auf Rückzug, auf Stabilität, auf die Möglichkeit, Familie zu gründen oder sich wirklich zu emanzipieren. Matos mahnt: „Die persönlichen und sozialen Kosten sind enorm.“ Doch die Politik schweigt. Während Immobilienkonzerne Rekordgewinne einfahren, wird das WG-Zimmer zum Symbol einer Gesellschaft, die ihre Jungen und ihre Normalverdiener in permanente Provisorien zwingt. Die Studie zeigt: Der Traum vom eigenen Heim ist keine Frage des Lebensstils mehr – es ist eine Frage des Geldes. Und das reicht längst nicht.

Quelle: Studie von Fotocasa und Infojobs, zitiert nach 20minutos.es


Quelle: 20minutos.es