Wenn Worte nicht mehr reichen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Wenn Worte nicht mehr reichen

von Sabine Keller

Die Eskalation als Normalfall

Das spanische Parlament gleicht mitunter einer Kampfarena. Wer dort in diesen Tagen debattieren will, muss nicht nur argumentatives Geschick, sondern auch eine robuste Nervenbahn mitbringen. Der Vorfall vom 14. April war nur der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die den politischen Diskurs vergiftet hat: Ein Vox-Abgeordneter stürmte die Rednertribüne, konfrontierte den Vizepräsidenten – eine Geste, die jenseits jeder parlamentarischen Etikette lag. Seine Rechtfertigung, man habe ihm nicht erlaubt, Beleidigungen durch einen Gegner zu rügen, offenbart das Kernproblem: Die Mechanismen der Selbstregulierung funktionieren nicht mehr. Sie sind dem Affekt gewichen.

Jetzt reagiert die Kammer. Mit den Stimmen der Regierungsmehrheit und gegen die geschlossene Opposition von PP und Vox hat der Kongress eine Reform der Geschäftsordnung auf den Weg gebracht, wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet. Sie sieht vor, die Befugnisse der Parlamentspräsidentin Francina Armengol und ihres Präsidiums („Mesa“) deutlich zu erweitern. Künftig sollen nicht nur massivere Strafen bis zu 2.000 Euro möglich sein. Vor allem wird ein neuer Tatbestand eingeführt: die „schwere Einschüchterung“ oder Gewalt gegenüber dem Präsidium oder dem Parlamentspersonal. Ein klares Signal an jene, die physische Präsenz als Druckmittel missbrauchen wollen.

Der Vorwurf: Selektive Autorität

Die Reaktion der Opposition ist vorhersehbar scharf. Sie greift nicht die Idee von Ordnung an, sondern die Motive ihrer Durchsetzung. Marta González Vázquez (PP) wirft der Präsidentin eine „beunruhigende Pflichtvergessenheit“ vor. In ihrer Lesart war die autoritative Figur des Präsidenten früher Abschreckung genug; heute werde selektiv durchgegriffen. Das Parlament, so der Vorwurf, sei zur „Außenstelle der Regierung an der Carrera de San Jerónimo“ verkommen. Bei Vox geht der Ton noch schärfer in die Offensive. José María Sánchez García, jener Abgeordnete, dessen Tribünensturm die Debatte überhaupt erst auslöste, spricht von einer „autoritären Pulsion der Regierung“. Für die Rechten ist die Reform kein Schutz der Institution, sondern ein Werkzeug zur Disziplinierung der Opposition.

Dieses Narrativ ist geschickt gesponnen, aber falsch. Es vertauscht Ursache und Wirkung. Nicht die Regierung erfindet neue Regelverstöße, sie reagiert auf eine neue Qualität der Regelverletzung. Wenn parlamentarische Freiheit mit parlamentarischer Straflosigkeit verwechselt wird, wie die sozialistische Abgeordnete Rafaela Romero treffend anmerkte, dann ist der institutionelle Kern bedroht. Die Reform, so ihre Verteidigung, „bestraft keine Ideen oder Meinungsverschiedenheiten, sondern Verhaltensweisen, die unvereinbar sind mit dem Respekt vor diesem Haus.“

Die Gefahr des zweischneidigen Schwerts

Doch auch aus den eigenen Reihen der Regierungsunterstützer kommt ein wichtiger Einwand, den man ernst nehmen muss. Josep Maria Cervera Pinart von Junts warnt davor, dass eine solche Regelung „garantiefest für alle“ sein müsse. Ihre willkürliche Anwendung könne die Meinungsfreiheit oder die Arbeit parlamentarischer Minderheiten beschneiden. Es ist ein berechtigtes Bedenken: Ein heute gegen Vox geschärftes Instrument könnte morgen gegen katalanische Separatisten oder linke Protestredner gewendet werden, sollte die politische Machtverhältnisse kippen. Die Sozialisten versichern, die Reform diene dem Schutz der Institution „für alle Bürger“. Die Bewährungsprobe wird sein, ob dieser Anspruch in der hitzigen Praxis des Madrider Hemizyklus standhält.

Die geplante Änderung der Artikel 101 und 104 ist mehr als eine technische Anpassung. Sie ist ein Seismograf für den Zustand der spanischen Demokratie. Zeigt sie doch, dass die verbale Auseinandersetzung allein nicht mehr ausreicht, um Konflikte auszutragen. Man muss sich fragen: Braucht es wirklich Geldstrafen und Ausschlussandrohungen, damit gewählte Volksvertreter eine minimale Debattenkultur wahren? Die Antwort, die der Kongress jetzt implizit gegeben hat, ist beschämend: Ja, offenbar.

Quellen: Die Debatte und Beschlussfassung im spanischen Kongress wurden u.a. von Europa Press und 20minutos.es aufgezeichnet und berichtet.


Quelle: 20minutos.es

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