Wenn die Wohnung keine Zuflucht mehr bietet

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Wenn die Wohnung keine Zuflucht mehr bietet

von Clara Weber

Ein neuer Hitzehöhepunkt steht bevor: Für das Wochenende sagen Meteorologen in Spanien erneut Temperaturen um die 40 Grad voraus – lokal sogar bis zu 44 Grad. Wie der staatliche Wetterdienst Aemet mitteilt, sind vor allem der Nordosten, die Mitte und der Süden des Landes betroffen. Die letzte Hitzewelle im Juni bescherte dem Land drei der heißesten Junitage seit Beginn der Aufzeichnungen. Damals war laut Aemet fast drei Viertel der Bevölkerung gesundheitlichen Risiken durch die hohen Temperaturen ausgesetzt.

Die Zahlen zeigen einen klaren Trend: Zwischen 1975 und 1984 dauerten Hitzewellen im Schnitt nur drei Tage pro Jahr. In der letzten Dekade stieg dieser Wert auf 22 Tage an. Prognosen zufolge könnte er sich bis zum Ende des Jahrhunderts noch einmal verdoppeln. Diese Entwicklung verändert den Alltag der Menschen grundlegend – vor allem den derjenigen, die zuhause keine Möglichkeit haben, sich zu kühlen.

Flucht ins Kühle

Matilde Núñez ist 76 Jahre alt und wohnt im Madrider Stadtteil Retiro. In ihrer Wohnung gibt es keine Klimaanlage. Deshalb geht sie an heißen Tagen mehrmals zum Supermarkt um die Ecke – nicht zum Einkaufen, sondern um sich zu erfrischen. „Ich komme zwei- oder dreimal am Tag, um etwas abzukühlen“, erzählt sie. Im vergangenen Jahr erlitt sie sogar einen Hitzschlag. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele: Bibliotheken, Einkaufszentren, Schwimmbäder oder Kulturzentren werden zu klimatischen Rückzugsorten.

Der Student Enrique Ríos bereitet sich in einer öffentlichen Bibliothek auf seine Prüfungen vor, weil es zuhause unerträglich heiß ist. „Ohne einen klimatisierten Ort wäre das Lernen viel schwieriger“, sagt der 19-Jährige. Auch Carmen Almagro, eine 35-jährige Angestellte aus Granada, hat ihre Gewohnheiten umgestellt: Sie trainiert morgens im Fitnessstudio, weil ihr Körper nachmittags vom Hitze erschöpft ist. „Ich bin zu 100 Prozent auf klimatisierte Räume angewiesen“, erklärt sie. Nachts lasse sie die Klimaanlage laufen, um schlafen zu können.

Höhere Kosten belasten zusätzlich

Doch dieser Kühlkomfort hat seinen Preis. Seit Juni gilt wieder der reguläre Mehrwertsteuersatz von 21 Prozent auf Strom – zuvor lag er bei ermäßigten 10 Prozent. Auch die Stromsteuer wurde wieder angehoben. Zwar sagt keiner der Befragten, dass er deshalb auf Ventilator oder Klimaanlage verzichtet, aber die Kostenfrage ist allgegenwärtig. Mirella Condori, eine 27-jährige Betreuerin, sucht mit ihren Schützlingen öffentliche Wasserspiele auf. „Zu Hause läuft die Klimaanlage viel, das treibt die Stromrechnung in die Höhe“, berichtet sie.

Auch das Sozialleben junger Menschen verändert sich. Miguel Martín (19) trifft sich mit Freunden kaum noch draußen. „Früher waren wir immer auf der Straße. Jetzt suchen wir Bars oder Einkaufszentren mit Klimaanlage – oder wir bleiben zuhause.“ Parks und Plätze haben als Treffpunkte ausgedient.

Öffentliche Kühlräume als neue Infrastruktur

Viele Städte reagieren auf die Herausforderung mit sogenannten Klimarefugien. Laut einer Untersuchung von Greenpeace aus dem Jahr 2025 verfügen 16 der 52 spanischen Provinzhauptstädte über ein kommunales Netz solcher Schutzräume. Barcelona liegt mit rund 500 Standorten vorn. In Madrid öffnet die Stadtverwaltung jeden Sommer etwa 31 Einrichtungen – darunter der Ballsaal des Círculo de Bellas Artes oder die Fundación Canal. Valencia zählt 20 solcher Orte.

Das Beispiel von Matilde Núñez zeigt jedoch, dass die bestehenden Angebote längst nicht ausreichen. Die 76-Jährige verbringt ihre Tage im Supermarkt, während ihr Zuhause unerträglich wird. Die Frage, wie Städte hitzeresilienter werden können, wird damit immer drängender.


Quelle: 20minutos.es