Wenn das Zuhause zum Backofen wird

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Wenn das Zuhause zum Backofen wird

von Sabine Keller

Die gekaufte Kühle

Es ist noch nicht einmal Mittag, und Matilde Núñez, 76, macht sich auf den dritten Weg zum Mercadano um die Ecke. Nicht, weil sie vergessen hätte einzukaufen. Sondern weil ihre Wohnung ohne Klimaanlage zur Sauna wird. „Zwei-, dreimal am Tag gehe ich da rein, um mich abzukühlen“, sagt sie. Letzten Sommer erlitt sie einen Hitzschlag. Willkommen in der neuen spanischen Realität: Hitzewellen, die den Alltag diktieren, und eine Politik, die zusieht.

Die Wetterbehörde AEMET warnt vor einer neuen Hitzewelle mit Spitzen bis zu 44 Grad im Süden. Die letzte im Juni war eine der heftigsten seit Beginn der Aufzeichnungen. 73 Prozent der Bevölkerung waren gesundheitlich gefährdet. Und während die Zahl der Hitzetage pro Jahr von drei (1975-1984) auf 22 gestiegen ist – Tendenz weiter steigend –, erhöht die Regierung den Mehrwertsteuersatz auf Strom von zehn auf 21 Prozent. Ein perfider Widerspruch.

Flucht in die Konsumtempel

Was tun? Enrique Ríos, 19, studiert in der Bibliothek, weil es in seiner Wohnung unerträglich ist. Carmen Almagro trainiert nur noch im klimatisierten Gym, draußen sei „unmöglich“. Miguel Martín trifft seine Freunde nicht mehr auf der Plaza, sondern in Bars und Shopping-Centern. Die Menschen funktionieren um – aber nicht etwa aus Begeisterung für den Konsum, sondern aus schierer Not. Die private Kühlung wird zum Luxus, den sich viele kaum noch leisten können.

Mirella Condori, die zwei Kinder betreut, sucht mit ihnen öffentliche Wasserspiele und kühle Ecken. „Der Strom ist so teuer, die Rechnung wird immer höher“, klagt sie. Die Politik hat die Hilfen auslaufen lassen, während die Temperaturen steigen. Greenpeace zählt in Spanien 16 Hauptstädte mit einem offiziellen Netz von „Klima-Schutzzonen“ – Barcelona führt mit 500 solcher Orte, Madrid kommt auf 31. Das klingt nach Fortschritt. Doch was nützen ein paar gekühlte Räume, wenn die Menschen den ganzen Tag durch die Stadt irren müssen, um ein Plätzchen zu finden?

Die soziale Spaltung der Hitze

Hier zeigt sich die wahre Tragödie: Hitzeschutz wird zur Klassensache. Wer ein Haus mit Klimaanlage und dicken Wänden hat, übersteht den Sommer leidlich. Wer in einer schlecht isolierten Mietwohnung lebt, muss entweder horrende Stromrechnungen zahlen oder sich in Supermärkte und Bibliotheken flüchten. Die Politik redet von grüner Transformation und Klimaanpassung, aber die konkreten Hilfen bleiben Symbolpolitik.

Dass die Stromsteuer wieder erhöht wurde, während die Hitzetage zunehmen, ist kein Versehen – es ist ein Zeichen dafür, dass soziale Gerechtigkeit im Klimadiskurs nur als Randnotiz vorkommt. Die Regierung spart auf dem Rücken derer, die am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Eine Schande.

Quellen

  • AEMET: Warnung vor Hitzewelle und Daten zu Hitzetagen (Stand 2025)
  • Greenpeace-Report „Refugios climáticos 2025“: 16 Hauptstädte mit offiziellen Kältezonen
  • 20minutos.es: Originalreportage „Cuando la casa deja de ser un refugio“ (29.07.2025)

Quelle: 20minutos.es