Spaniens Bahnindustrie widerspricht Minister-Vorwürfen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Spaniens Bahnindustrie widerspricht Minister-Vorwürfen

von Jonas Beck

Lieferverzögerungen: Eine multifaktorielle Analyse

Die Kritik des spanischen Verkehrsministers Óscar Puente an den Bahnherstellern als Hauptverantwortliche für Lieferverzögerungen neuer Züge stößt auf deutlichen Widerspruch innerhalb der Branche. Die spanische Bahnindustrie-Vereinigung Mafex, in der 121 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette organisiert sind, hält diese Zuschreibung für eine übermäßige Vereinfachung eines komplexen Problems. Wie Mafex auf Nachfrage darlegt, hänge die pünktliche Inbetriebnahme neuer Fahrzeuge von einer “viel breiteren Kette von Faktoren” ab.

Ein Problem mit vielen Verantwortlichen

Mafex benennt eine Reihe von Elementen, die neben der reinen Fertigungsphase zu Verzögerungen führen. Dazu zählen:

  • Die technische Komplexität der einzelnen Projekte.
  • Die Verfügbarkeit spezieller Komponenten und Fachpersonal.
  • Nachgelagerte Prozesse wie Validierung, Homologation und behördliche Zulassung, die von nationalen und europäischen Regeln sowie von den Infrastrukturbetreibern abhängen.

Diese Einschätzung teilt auch Minister Puente teilweise, der, wie berichtet wird, erst kürzlich in einem EU-Gremium für beschleunigte Zertifizierungsverfahren plädierte. Seine Forderung nach einer Stärkung der “industriellen Kapazität” zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wird von der Industrie jedoch anders bewertet.

Die Frage der globalen Wettbewerbsfähigkeit

Während Puente die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Bahnindustrie in Frage stellt, verteidigt Mafex deren weltweite Führungsposition in Technologie, Innovation und Sicherheit. Der Verband verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors in Spanien mit über 40.000 Arbeitsplätzen und internationalen Projekten. Die aktuelle Debatte über Lieferfristen und Wettbewerbsfähigkeit wird grundsätzlich begrüßt, jedoch soll sie aus einem “gemeinsamen Ansatz” heraus geführt werden, der alle Ursachen identifiziere.

Kontext: Weltweiter Boom und Planungsdefizite

Die Verzögerungen treten in einer Phase global steigender Nachfrage nach Schienenfahrzeugen auf, angetrieben durch die politische Fokussierung auf die emissionsarme Schiene. Diese Marktentwicklung erfordert nach Ansicht von Mafex nicht nur den Ausbau industrieller Kapazitäten – wie auch der nicht in Mafex vertretene Hersteller Talgo angekündigt hat –, sondern auch mehr Vorausschau von Seiten der Auftraggeber.

“Es ist von grundlegender Bedeutung, die Planung und Antizipation von Investitionen und Beschaffungsprogrammen für Fahrzeuge zu verbessern”, so die Branchenvertretung. Nur so könne den Herstellern die notwendige Planungssicherheit gegeben werden, um Lieferketten und Personal langfristig auszurichten. Die Industrie sieht damit auch die staatlichen bzw. öffentlichen Betreiber wie die spanische Renfe in der Pflicht, ihre Beschaffungsprozesse besser zu strukturieren.

Der für September angekündigte “Dialog” zwischen der EU-Kommission und den Bahnherstellern wird somit von der spanischen Industrie als Chance gesehen, die Diskussion auf eine umfassendere und faktische Grundlage zu stellen.


Quelle: 20minutos.es

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