
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Pujols Erbe: Millionen, Macht und moralisches Vakuum
Die Sprache der Macht: "Information" als Ware
Wer in den abgeschirmten Salons der Macht verkehrt, lernt eine eigene Sprache. Dort heißt Korruption nicht Korruption. Sie nennt sich „Beratung“. Ein schmieriges Geschäft wird als „risikoreiche Investition“ veredelt. Und der Verrat öffentlicher Interessen firmiert unter dem neutralen Kürzel „Lobbyarbeit“. Diese Sprachregelung wurde dieser Woche in der Audiencia Nacional in Madrid eindrucksvoll performt. Jordi Pujol Ferrusola, der Erstgeborene des langjährigen katalanischen Präsidents Jordi Pujol i Soley, stand dem Antikorruptionsfiskal Fernando Bermejo Rede und Antwort – und bot eine masterclass in politischer Semantik.
Wie aus den Prozessberichten bekannt wurde, verteidigte Ferrusola die millionenschweren Zuflüsse aus Unternehmen nicht als illegale Kommissionen, sondern als „Contraprestation“ für „Asesoramiento“. Der Kern dieses „Beratungsdienstes“? Die Übermittlung von „información privilegiada en un momento que no se tiene“ – Informationen, die in einem Moment, in dem man sie nicht hat, zugänglich gemacht werden. Einfacher übersetzt: Insiderwissen, zur richtigen Zeit geliefert. Das ist die blanke Definition von politischer Marktmanipulation. Ferrusola verkauft nicht sein Wissen, sondern seinen Zugang. Nicht seinen Rat, sondern seine Nähe zur Macht. Das ist der klassische Deal in einem System, in dem öffentliche Aufträge nicht durch das beste Angebot, sondern durch die beste Kontakte gewonnen werden.
Das Märchen vom grandiosen Großvater
Parallel zu dieser Offenlegung eines korruptiven Systems spinnt die Familie Pujol seit Jahren ein zweites Narrativ: das der unerschuldeten, generationsalten Familienfortuna. Ferrusola erzählte dem Tribunal die schon bekannte Saga vom vermeintlich unpolitischen Vermögen. Ein Großvater Florenci, ein Mann aus der Zeit der Republik, der Krieg und Instabilität fürchtete, habe das Geld in Andorra angelegt. 1976 oder 77 habe er seinem Sohn gesagt, sie sollen sich keine Sorgen machen. 1980 dann die große Familienansprache: Jordi Pujol i Soley zeigte seiner Frau und den Kindern eine „carta“ – ohne Summen, ohne Herkunft, ohne Banken. Nur das Versprechen der Sicherheit.
Diese Geschichte ist nicht nur unglaubwürdig, sie ist politisch perfekt. Sie entpolitisiert das Vermögen, stellt es als Folge von historischer Vorsicht dar, nicht von gegenwärtiger Gier. Ferrusola beschreibt die Übernahme der Management-Kontrolle über dieses Vermögen 1990 nicht als „Acuerdo“, sondern als „una orden“ – eine Order von Joaquim Pujol. Auch hier die Semantik der Unschuld: Er folgte nur Befehlen. Die Zahlen, die später genannt wurden: 110 Millionen Pesetas in US-Dollar und Titelwerte von 390 Millionen Pesetas in Staats- und Multinationalen-Anleihen. Eine Summe, die in der politisch heißen Zeit der frühen 1980er, als sein Vater die katalanische Autonomie vorantrieb, wie ein Schatten auftaucht.
Geschäftsmodelle der Nähe
Die konkreten Geschäfte, die nun vor Gericht liegen, sind Lehrbuchbeispiele für den symbiotischen Kreislauf von Politik und Business. Ferrusola und ein Partner kauften 50% der Firma Gestió i Recuperació de Residus für 5.000 Euro. Nach Erlangung der Permits für den Deponiebau in Tivissa (Tarragona) verkauften sie ihre Anteile für über 5 Millionen Euro. Ferrusola rechtfertigt den Gewinn als Resultat einer „inversión a riesgo“. Das Risiko lag jedoch nicht im Markt, sondern im politischen Genehmigungsprozess – ein Prozess, zu dem seine Familie den entscheidenden Schlüssel besaß.
Auf Fragen zum Broker Herbert Towning in London oder zu Investments in Argentinien folgen ähnlich nebulose Antworten: gemeinsame Klienten, schlechte Management-Entscheidungen anderer. Die Beziehung zu Carles Vilarrubí, dem späteren Gründungsmanager von Catalunya Ràdio und TV3, wird als Jugendfreundschaft verklärt. Die Frage, ob er wusste, dass Unternehmen von Carles Sumarroca öffentliche Aufträge in Katalonien gewannen, beantwortet er mit einem lakonischen „supongo“ – „ich nehme an“. Diese gesamte Kommunikation ist ein Muster von strategischer Vagheit. Sie erkennt Fakten an, ohne Verantwortung zu übernehmen. Sie nennt Namen, ohne Zusammenhänge zu beschreiben.
Die strafrechtliche Antwort
Gegen dieses System der intransparenten Transfers und der semanticischen Verdrehungen steht die klare Sprache des Strafrechts. Fiskal Bermejo fordert für Jordi Pujol Ferrusola 29 Jahre Haft. Die Audiencia Nacional muss nun entscheiden, ob die Geldflüsse „contraprestación“ für real services waren, oder illegale Kommissionen für die Zuweisung öffentlicher Kontrakte. Dieser Prozess ist nicht nur über eine Familie. Es ist ein Prozess über ein politisches Modell, das in vielen Regionen Spaniens und darüber hinaus blühte: ein Modell, in dem öffentliches und privates Interesse so verwachsen, dass sie kaum zu unterscheiden sind.
Die Familie Pujol steht hier exemplarisch für eine ganze Klasse von politischen Dynastien, deren Macht nicht nur in Parlamenten, sondern in den undurchsichtigen Kanälen zwischen Regierung und Wirtschaft liegt. Ferrusolas Aussagen sind ein Beleg dafür, wie dieses System sich selbst beschreibt: nicht als Korruption, sondern als Dienstleistung. Die Aufgabe der Justiz ist es, diese Selbstbescheinigung zu dechiffrieren und die wahre Sprache der Macht zu übersetzen: aus „información privilegiada“ zurück zu „Vorteilsgewährung“, aus „asesoramiento“ zurück zu „Lobbykorruption“.
Quellen: Prozessberichte und Aussagen aus der Audiencia Nacional in Madrid, wie von Europa Press und anderen Medien dokumentiert.