Nervis Villalobos – Nationalität trotz Ermittlungen?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Nervis Villalobos – Nationalität trotz Ermittlungen?

von Clara Weber

Ein exklusiver Einblick in die Justizakte

Die Einheit für Wirtschaftsdelikte (UCO) der Guardia Civil hat eine neue Spur im Fall der mutmaßlichen PSOE-interne ‘Kanalarbeiter’ aufgedeckt. Im Zentrum steht diesmal die spanische Staatsbürgerschaft für Nervis Villalobos, den ehemaligen Vizeminister für Energie unter Hugo Chávez in Venezuela. Untersuchungsrichter Santiago Pedraz vom Nationalen Gerichtshof (Audiencia Nacional) hat das Justizministerium um Akteneinsicht gebeten, nachdem abgefangene Nachrichten darauf hindeuteten, dass die Hauptverdächtige Leire Díez bei dem Verfahren möglicherweise ihre Finger im Spiel hatte.

Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht, über die diese Redaktion verfügt, versuchte Villalobos Ende 2024 über Leire Díez, den Status seiner Nationalitäts-Anträge zu klären. In einer Nachricht schrieb er ihr: “Heute hat sich der Status geändert, ich glaube, wir sind an einem Schlüsselpunkt.” Díez antwortete kurz: “Ich habe es weitergeleitet, damit sie es sich ansehen.”

Zwei Ablehnungen, dann ein Erfolg über das Demokratiegedenkengesetz

Das Justizministerium unter Félix Bolaños reagierte auf die richterliche Anfrage mit der Übermittlung von drei Akten zu Villalobos. Diese zeigen ein kompliziertes Procedere: Eine erste Antragstellung aus dem Jahr 2017 wurde 2020 abgelehnt. Ein weiterer Antrag vom April 2024 scheiterte im Oktober 2025. Der entscheidende dritte Antrag hingegen wurde bereits im April 2025 bewilligt.

Laut Ministeriumsquellen, auf die sich mehrere Medien berufen, gründete der Erfolg auf dem sogenannten Demokratiegedenkengesetz. Diese Regelung ermöglicht es Ausländern mit spanischen Eltern oder Großeltern, die Staatsangehörigkeit auch ohne vorherigen Wohnsitz in Spanien zu erlangen. Die Bearbeitung des Antrags sei “von vier Beamten nach juristischen Kriterien geprüft und befürwortet” worden, so die offizielle Stellungnahme. Eine Verbindung zu den mutmaßlichen Machenschaften von Leire Díez wird kategorisch bestritten.

Die Spur der ‘Kanalarbeiterin’: Kontakte bis ins Ministerium

Die abgehörten Chatverläufe zeichnen jedoch ein anderes Bild des Engagements von Leire Díez. Dem Ermittlungsbericht der UCO zufolge, der diesem Blatt vorliegt, war sie “aktiv daran interessiert”, dass Villalobos nicht nur die Nationalität, sondern auch die Eröffnung von Bankkonten in Spanien erhalte. Dies geschah im Kontext gemeinsamer Geschäftsabsichten mit dem ehemaligen SEPI-Präsidenten Vicente Fernández.

Ein entscheidender Austausch fand im Dezember 2024 zwischen Díez und dem mutmaßlich in die ‘Kanalarbeiter’-Strukturen verstrickten Anwalt Ismael Oliver statt. Díez schrieb: “Ich muss mit dir über die Nationalität von Nervis sprechen. Und gestern ist es mir schon mit Félix entglitten.” In späteren Gesprächen, so die UCO, bezog sich Díez auf Rückmeldungen von “Félix” (mutmaßlich Justizminister Bolaños) an “Santos” (PSOE-Generalsekretär Santos Cerdán), wonach eine Einbürgerung blockiert werde, weil Villalobos in der “Duro Felguera”-Affäre vor der Audiencia Nacional angeklagt sei.

Versuchte Kontaktaufnahme zu Ex-Minister Escrivá

Die Ermittlungen zeigen, dass Oliver 2025 mehrfach eine persönliche Intervention anregte. Er bat Leire Díez um “ein Treffen mit dem Gouverneur der Bank von Spanien, José Luis Escrivá, oder jemandem aus seinem Vertrauen”, um die gesperrten Konten von Villalobos freizubekommen. Kurz darauf notierte Díez in ihrem Kalender: “Termin mit Escribá [sic] oder einem von ihm Bestimmten erbitten.”

Laut Guardia Civil setzte Díez den Plan in die Tat um und kontaktierte eine Person namens “Hana”, bei der es sich höchstwahrscheinlich um die sozialistische Europaabgeordnete Hana Jalloul handelt. Kurz darauf teilte Díez Oliver mit, die Abgeordnete habe Escrivá kontaktiert. Dieser habe daraufhin ein offizielles Schreiben angefordert, das die Situation, die betroffenen Banken und weitere Details erläutere, “damit sie es prüfen können”.

Fazit: Offene Fragen trotz ministerieller Gewissheit

Während das Justizministerium die rechtmäßige und korrekte Bearbeitung des Falls Villalobos betont, bleibt für Richter Pedraz eine zentrale Frage offen: Konnten die Bemühungen von Leire Díez und ihrem Netzwerk letztlich doch den entscheidenden Impuls geben, auch wenn der formale Weg ein anderer war? Die Diskrepanz zwischen den offiziellen Stellungnahmen und den in den Chats dokumentierten aktiven Vermittlungsversuchen bildet den Kern der weiteren Ermittlungen. Der Fall zeigt einmal mehr, wie schwer es ist, in komplexen politisch-administrativen Geflechten eindeutige Kausalitäten nachzuweisen.

Quellen: Ermittlungsakten des Nationalen Gerichtshofs (Audiencia Nacional), Unterlagen der UCO der Guardia Civil, Stellungnahme des spanischen Justizministeriums.


Quelle: 20minutos.es

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