Müllschlucker Mittelmeer: Die Illusion der sauberen Küste

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

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Müllschlucker Mittelmeer: Die Illusion der sauberen Küste

von Sabine Keller

Symptombekämpfung auf hoher See

Zehn Boote, neun Stunden am Tag, 1,5 Millionen Euro für vier Jahre – so sieht die Sommer-Strategie der Gemeindeverbände der Axarquía an der Costa del Sol aus, um ihre Badewasser sauber zu halten. Präsentiert von einem halben Dutzend lokaler Würdenträger, klingt der Dienst nach einer vorbildlichen Fürsorgepflicht. Man zieht mit Spezialschiffen los, sammelt Plastik, Holz, tote Fische und – besonders pikant – Ölreste von der Wasseroberfläche. Ein Rundum-Sorglos-Paket für Touristen und Anwohner, wie der Präsident des Gemeindeverbands, Jorge Martín, betont. Doch dieses Bild ist eine gefährliche Illusion. Was hier als „fundamentaler Service“ verkauft wird, ist nichts anderes als die teure und aufwendige Behandlung eines Symptoms, während die Krankheit – unsere Wegwerfgesellschaft – fröhlich weiterwuchert.

Die Zahlen, die der für Tourismus zuständige Vizepräsident Jesús Pérez Atencia aus der Kampagne 2025 vorlegt, sprechen eine erschreckend klare Sprache: Über 50 Tonnen organischer und nochmal 51 Tonnen anorganischer Abfall wurden allein im vergangenen Sommer aus dem Küstenabschnitt zwischen Vélez-Málaga, Algarrobo, Torrox und Nerja gefischt. Dazu kommen 1.800 Kubikmeter behandelte Kohlenwasserstoffe. Spitzenreiter ist Vélez-Málaga mit über 20 Tonnen Plastik & Co. Man kann diese Daten, wie die Politiker es tun, als Beleg für die „Effektivität des Geräts“ lesen. Ich lese sie als ein vernichtendes Zeugnis unseres kollektiven Versagens. Eine Region, die von der Schönheit ihrer Natur und der Qualität ihrer Strände lebt, muss jährlich mit einem millionenschweren Marineeinsatz gegen die Vermüllung ihrer Lebensgrundlage ankämpfen.

Die Rechnung ohne den Wirt gemacht

Die Rhetorik der Verantwortlichen ist durchsichtig: Man dankt für die Zusammenarbeit der Gemeinden, lobt die Beteiligten und ermahnt die Bürger zur Mithilfe. Das ist bequem. Es externalisiert das Problem auf die „Allgemeinheit“. Doch wer trägt die wahre Verantwortung? Die politischen Gremien, die es jahrzehntelang versäumt haben, eine konsequente Kreislaufwirtschaft, wirksame Mehrweg-Systeme und harte Sanktionen gegen Umweltverschmutzung durchzusetzen. Die Tourismusindustrie, die weiterhin auf billiges Einweg-Plastik setzt. Der Service der Firma Servimar ist ein lukrativer Deal für den Auftragnehmer und ein beruhigendes Feigenblatt für die Kommunalpolitik. Er erweckt den Eindruck, man habe die Situation im Griff.

Dabei ist dieser Reinigungsdienst nichts weiter als die letzte Instanz einer gescheiterten Abfallvermeidungspolitik. Die technischen Details der „Foreña“-Boote mit ihren Ölabscheidern und Förderbändern sind beeindruckend. Ihre Notwendigkeit ist beschämend. Was nützt die autonomie für einen vollen Arbeitstag, wenn die Quelle des Mülls ungebremst weiterfließt? Die Boote sind zur Dauereinrichtung geworden, ein fester Posten im Haushalt, der die Illusion der Sauberkeit aufrechterhält, während sich das Grundproblem verschärft.

Der Weg führt zurück an Land

Die Krux liegt in der Perspektive. Man feiert die Beseitigung der sichtbaren Verschmutzung als Erfolg. Doch der wahre Erfolg wäre, wenn diese Flotte kaum etwas zu tun hätte. Solange lokale Politiker wie Martín den Dienst primär als Tourismus- und Imagefaktor verkaufen („espléndidos litorales“, „playas de mucha calidad“), verfehlen sie den Kern der Sache. Es geht nicht darum, die Bühne für die nächste Touristensaison zu reinigen. Es geht darum, das Ökosystem Mittelmeer vor dem Kollaps zu bewahren.

Der Ansatz muss radikal anders werden: Die Millionen für die Müllfischer sollten umgewidmet werden in Investitionen für Vermeidung, Aufklärung und drastische Reduktion von Einwegmaterialien an der Quelle – in Hotels, Restaurants und an den Stränden selbst. Jede Tonne, die nicht im Meer landet, macht die teuren Boote überflüssig. Bis dahin bleibt der Reinigungsdienst der Axarquía ein teures Armutszeugnis – ein Beweis dafür, dass wir es vorziehen, den Müll teuer einzusammeln, anstatt ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. Das Mittelmeer verdient mehr als nur eine kosmetische Behandlung.

Quellen: Angaben des Gemeindeverbands Axarquía Costa del Sol und des Unternehmens Servimar, veröffentlicht auf Axarquía Plus.


Quelle: axarquiaplus.es