
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Madrids Friedhöfe öffnen länger zum Feiertag
Ein Tag der Besinnung, organisiert wie ein Großevent
Wer denkt, der Tod sei nur eine private Angelegenheit, der irrt – zumindest in der Region Madrid. Während Allerheiligen andernorts oft still und beschaulich begangen wird, mutiert der Feiertag in den Vororten der spanischen Hauptstadt zum logistischen Kraftakt. Die Botschaft der Kommunen ist eindeutig: Wer seine Liebsten ehren will, dem werden alle Steine aus dem Weg geräumt – selbst wenn dafür der Busfahrplan auf den Kopf gestellt werden muss.
Mehr Zeit, mehr Busse, mehr Würde?
Die Aufzählung der Maßnahmen liest sich wie das Programm eines Stadtfestes. In Las Rozas etwa bleiben die Tore des alten Friedhofs an der A-6 bis zum Montag durchgehend von halb zehn Uhr morgens bis halb sechs am Nachmittag geöffnet. Die moderne Anlage an der Avenida de Nuestra Señora de Retamar geht sogar noch einen Schritt weiter und öffnet bereits um acht Uhr. Wem das eigene Auto fehlt, der wird nicht im Stich gelassen: Die Linien 622, 561, 561A und 561B bringen die Trauernden bequem bis vor die Pforte. Ein Service, der angesichts der Parkplatzsuche an solchen Tagen fast schon als Akt der Barmherzigkeit durchgeht.
Die Gemeinde Pinto argumentiert ganz pragmatisch: Der "notable incremento de afluencia", also der deutlich gestiegene Besucherandrang, mache die Ausweitung der Öffnungszeiten von neun bis achtzehn Uhr unumgänglich. Als ob es eine Überraschung wäre, dass der Friedhof am Tag der Toten voll wird. Die Überraschung wäre eher, wenn dem nicht so wäre. Immerhin reagiert der Nahverkehrsverbund der Region und verlängert die Stadthuslinie am Samstag – eine Maßnahme, die ahnen lässt, welches Verkehrschaos ohne diese Vorkehrungen drohen würde.
Wenn der Friedhof zum zentralen Lebensmittelpunkt wird
In Fuenlabrada geht man noch weiter: Zusätzlich zum erweiterten Angebot der Friedhöfe wird die Buslinie 6 am Sonntag im Viertelstundentakt beziehungsweise im Dreißigminutenrhythmus zwischen Bahnhof, Bestattungshaus und Friedhof pendeln. Und weil zu Allerheiligen nun mal auch der Blumenhandel blüht, wird die Calle Noria kurzerhand zur Fußgängerzone mit Verkaufsständen erklärt. Verkehrsbehinderungen nimmt man dort bewusst in Kauf – ein verkehrter Zug, wenn ausgerechnet am Tag der Stille der Lärm der Baustellen und Absperrungen triumphiert.
San Sebastián de los Reyes setzt derweil auf ein Rundum-sorglos-Paket: Bis einschließlich Sonntag sind die Friedhöfe von 8:30 bis 18 Uhr offen, ein kreisförmiger Busdienst verbindet die wichtigsten Punkte der Stadt, und am Montag sorgt eine Messe mit Live-Musik im Friedhof für eine ungewöhnliche Symbiose aus Spiritualität und Eventcharakter. Fragt sich nur, ob die Angehörigen inmitten der musikalischen Begleitung wirklich die Ruhe finden, die sie suchen.
Kapazitäten wie beim Stadtfest
Torrejón de Ardoz treibt das Prinzip der grenzenlosen Verfügbarkeit auf die Spitze: Zwölf Stunden am Stück, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, bleibt das städtische Gelände geöffnet. Ein Takt von fünfzehn Minuten für die Zubringerbusse ab der Plaza de España dürfte selbst den größten Ansturm schlucken. Und wer mit dem Auto anreist, erhält freies Parken – inklusive der normalerweise kostenpflichtigen Zone Blau. Ein Zugeständnis, das man durchaus als stille Einladung interpretieren darf, sich Zeit zu nehmen.
Móstoles und Pozuelo de Alarcón ziehen nach, Alcalá de Henares kombiniert die verlängerten Öffnungszeiten gar mit einem Begleitprogramm aus religiösen Handlungen, wandernder Musik und Gedenkaktivitäten. Das mag manche als pietätlos empfinden. Doch es offenbart auch eine tiefe Wahrheit über den Umgang mit Tod und Trauer im Großraum Madrid: Der Tod gehört zum Leben, und zu Allerheiligen gehört nun mal der organisierte Besuch auf dem Friedhof. Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, haben sich die Gemeinden darauf eingestellt, dass dieser Feiertag längst nicht mehr nur ein stiller Tag der Besinnung ist, sondern ein Termin, der in den städtischen Planungskalendern seit Wochen rot angestrichen ist. Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob genug Busse fahren – sondern ob bei all der betriebswirtschaftlichen Perfektion der eigentliche Sinn des Tages nicht auf der Strecke bleibt.
Quelle: europapress.es