
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kanaren kämpfen um britische Gäste
Ein Dämpfer nach Boomjahren
Es war ein Schock für die Tourismusbranche: Nach zweistelligen Wachstumsraten aus dem Vereinigten Königreich ist der Schwung abrupt abgeflaut. Wuchsen die Ankünfte britischer Urlauber 2023 um 13 Prozent und 2024 sogar um 10 Prozent, so sinkt die Kurve nun deutlich. Für 2025 steht gerade einmal ein Plus von zwei Prozent zu Buche, für das Gesamtjahr prognostizieren Experten nur noch ein Prozent. Die Zeiten des Selbstlaufs sind vorbei – das haben die Verantwortlichen auf der Weltleitmesse WTM in London erkannt.
Die Strategie: Qualität schlägt Quantität
Tourismusministerin Jéssica de León präsentierte am Dienstag den Stand des Archipels, an dem rund 350 Fachleute aus 200 Unternehmen und Institutionen teilnehmen. Ihre Botschaft ist klar: Die Kanaren wollen sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. „Wir befinden uns in einer Stabilisierungsphase auf sehr hohem Niveau, während die Tourismuseinnahmen eine günstigere Entwicklung nehmen“, so de León. Genau das sei die strategische Ausrichtung: den Erfolg nicht nur an der nackten Zahl der Besucher zu messen, sondern den Wert pro Gast zu steigern.
Dieser Kurswechsel ist notwendig, denn die britischen Verbraucher werden angesichts der Lebenshaltungskostenkrise preissensibler und wählerischer. Die Inseln reagieren, indem sie ihr Profil schärfen. „Wir müssen unsere Anstrengungen in diesem Markt verstärken und die Kanaren im Zentrum der Reiseentscheidung halten“, fordert die Ministerin. Premium-Tourismus, Wellness, Aktivurlaub und kulinarische Erlebnisse sollen die Gäste bei Laune halten – und bei Kasse.
Deutschland als Vergleichsgröße?
Der Druck ist real: Für den kommenden Winter sind bereits drei Prozent weniger Flugkapazitäten geplant, für den Sommer 2027 sogar vier Prozent weniger. Ein klares Warnsignal, das die Verantwortlichen ernst nehmen. Denn Großbritannien bleibt der mit Abstand wichtigste Quellmarkt: Über vier Millionen Briten besuchten die Inseln zwischen Januar und August, bis Jahresende sollen es über sechs Millionen sein. Sie geben mit durchschnittlich 191,50 Euro pro Tag deutlich mehr aus als der Durchschnittstourist (178 Euro) – eine Rechnung, die sich für die Hoteliers lohnt.
Doch die Abhängigkeit hat ihren Preis. Sinkt die Nachfrage, gerät das ganze System unter Druck. Die Inselregierung will deshalb die Fäden nicht aus der Hand geben und setzt auf Diversifizierung. Nur Teneriffa, das wichtigste Ziel für Briten, verzeichnete in diesem Jahr einen Rückgang – ein weiterer Beleg dafür, dass der Markt sich verändert. Die Kanaren wollen diesen Wandel nun aktiv mitgestalten, statt ihn passiv zu erleiden.
Wie die Nachrichtenagentur Europa Press berichtet, sehen die Planer dem Wandel jedoch gelassen entgegen. Die Inseln böten eine breite und wettbewerbsfähige Palette für unterschiedliche Nachfrageprofile – von der Familienpension bis zur Luxus-Residenz. Diese Vielfalt, kombiniert mit der Strategie, gezielt zahlungskräftige Gäste anzusprechen, soll die Loyalität eines Marktes festigen, der für die Wirtschaft der Inseln systemrelevant ist. Ob der Schachzug aufgeht, wird sich in den kommenden Buchungszahlen zeigen. Sicher ist: Der Kampf um die britischen Gäste ist eröffnet.
Quelle: europapress.es