Goldrausch und Straflosigkeit: Die neue Welle der Juwelierüberfälle

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Goldrausch und Straflosigkeit: Die neue Welle der Juwelierüberfälle

von Jonas Beck

Seit Mitte Mai häufen sich in Spanien die Berichte über eine spezifische Form des organisierten Verbrechens: brutale, minutenschnelle Überfälle auf Juweliergeschäfte. Allein in der Region Madrid wurden innerhalb eines Monats sechs solcher Gewaltverbrechen registriert, in Barcelona zwei weitere. Die Täter operieren dabei nach einem professionellen, ausgeklügelten Schema und hinterlassen neben einem materiellen auch einen erheblichen psychologischen Schaden.

Ein wiederkehrendes und gewalttätiges Muster

Die Vorgehensweise der Täter ist, wie Vertreter der Polizeigewerkschaft Jupol berichten, standardisiert und zeugt von hoher Professionalität. Nach einer vorherigen Beobachtung des Ziels nutzen sie das Überraschungsmoment. Mit gestohlenen Fahrzeugen als Fluchtmittel stürmen die vollständig vermummten und bewaffneten Täter die Geschäfte. Ihr Ziel ist eindeutig: Gold. Dieses Metall wird aufgrund seines aktuellen Rekordpreises von rund 4.000 US-Dollar pro Unze bevorzugt. Wie die Gewerkschaftsquellen erläutern, wird das Diebesgut nach den Raubzügen schnell eingeschmolzen, in Barren umgearbeitet und über Zwischenhändler in den Markt zurückgeführt, was eine Rückverfolgung praktisch unmöglich macht.

Die Gewerkschaft USPAC, die innerhalb der katalanischen Mossos d'Esquadra vertreten ist, bestätigt ein ähnliches Vorgehen für Barcelona. Dort agiere häufig ein Täter als Lockvogel, während Komplizen den tatsächlichen Überfall in wenigen Minuten durchführten. In über 90 Prozent der Fälle, so USPAC, werde die Beute endgültig abgeschöpft.

Die psychologischen Folgen und ein historisches Déjà-vu

Während körperliche Verletzungen bei den Opfern bisher die Ausnahme blieben, sind die psychologischen Folgen massiv. Armando Rodríguez, Generalsekretär der Madrider Juwelier-, Silberschmiede- und Uhrmacherinnung, spricht von einem Klima der "permanenten Angst" unter Ladenbesitzern und Mitarbeitern. Mehrere Betroffene litten unter schweren Angst- und posttraumatischen Belastungsstörungen. Rodríguez zieht einen beunruhigenden historischen Vergleich: "Dies gab es seit Anfang des Jahrhunderts, den schlimmsten Jahren der Unsicherheit für Juweliere, nicht mehr." Damals seien 25 Prozent der Madrider Juweliere betroffen gewesen.

Die treibenden Faktoren: Marktpreis und Justizsystem

Experten identifizieren zwei Hauptgründe für die aktuelle Welle. Der erste ist wirtschaftlicher Natur: der explodierte Goldpreis macht den Raub hochprofitabel. Der zweite Grund wird von allen befragten Quellen – den Innungsvertretern sowie den Polizeigewerkschaften Jupol und USPAC – übereinstimmend benannt: eine weitverbreitete "Sensation der Straflosigkeit".

Wie juristische Quellen erläutern, sei das spanische Strafrecht zwar im Prinzip streng, in der Praxis aber "garantistisch" und von vielen Abschwächungsfaktoren geprägt. Für Raub mit Gewalt sind zwar Haftstrafen von zwei bis fünf Jahren vorgesehen, doch häufig kämen Strafaussetzungen zur Anwendung oder die Angeklagten blieben bis zum Prozess auf freiem Fuß. Zudem zähle eine Vorstrafe nur, wenn sie rechtskräftig und für dasselbe Delikt verhängt wurde. "Wenn keine Verletzten dabei sind, geht man hier für einen Raub nicht ins Gefängnis", fasst Rodríguez die Wahrnehmung zusammen.

Diese Einschätzung teilen die Strafverfolgungsbehörden. "Sie wissen, dass Spanien ein Land ist, in dem man stehlen kann", stellt USPAC nüchtern fest. Jupol geht weiter und spricht von einem "kriminellen Paradies", das internationale Banden anziehe, die hier "Verbrechen in großer Straflosigkeit begehen und große wirtschaftliche Gewinne erzielen" könnten.

Wenige Lösungsansätze und eine unsichere Zukunft

Auf die Frage nach konkreten Gegenmaßnahmen fallen die Antworten der befragten Stellen ernüchternd aus. Von Seiten der Polizeigewerkschaften heißt es, es würden nur wenige spezifische Maßnahmen ergriffen. Die Polizei arbeite nach Kräften, doch die Rahmenbedingungen blieben schwierig. Die kombinierte Wirkung aus hohem Profit, geringem ermittlungstechnischem Risiko durch die schnelle Verwertung der Beute und der als lasch empfundenen justiziellen Konsequenzen bildet derzeit einen idealen Nährboden für diese Form der Kriminalität. Solange sich an diesen strukturellen Faktoren nichts ändert, bleibt die Angst in den Juweliergeschäften Spaniens allgegenwärtig.


Quelle: 20minutos.es