
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Erinnerung darf nicht zur Folklore verkommen
Gedenken ist in Mode gekommen. Es ist bunt, partizipativ und vor allem: jugendlich. Das ist erstmal eine gute Nachricht. Wenn, wie jüngst in Sant Cugat bei Barcelona geschehen, eine ganze Stadtverwaltung den „Tag der Würdigung der spanischen Deportierten in den Nazi-Lagern“ begeht und dabei explizit die Jugend in den Mittelpunkt stellt, dann widerspricht das dem Klischee von verstaubten Ritualen für ein greises Publikum. Die dort präsentierten Projekte – eine Schülerreise nach Ravensbrück, ein textiles Gemeinschaftskunstwerk namens „Sargir la Vida“ und eine digitale Schnitzeljagd zur Demokratiegeschichte – sind kreativ, gut gemeint und förderungswürdig. Doch sie bergen eine Gefahr: dass die Erinnerung an den industriellen Massenmord im Gefolge des Nationalsozialismus zur gefälligen Community-Aktion verkommt.
Die Gretchenfrage: Was bleibt hinter der Kreativität?
Esther Madrona, die Beigeordnete für Historische Erinnerung in Sant Cugat, betont laut Bericht der Stadtverwaltung die „demokratische Verpflichtung“ des Gedenkens. Recht hat sie. Doch diese Verpflichtung endet nicht bei der Inszenierung. Der symbolische „Staffelstab“, der bei der Gedenkveranstaltung an die Jugend übergeben wurde, ist ein starkes Bild. Aber was steht darauf geschrieben? Die Verantwortung, die wir weitergeben, muss mehr sein als die Pflege lokaler Biografien, so wichtig die Schicksale von Menschen wie Neus Català auch sind. Sie muss die unangenehme, sperrige und universelle Wahrheit enthalten: dass der Holocaust kein Betriebsunfall der Geschichte war, sondern ein menschengemachtes Verbrechen, für das es keine einfachen Erklärungen und schon gar keine tröstenden gibt. Eine digitale Rallye durch den Ort, bei der man „über die Demokratie reflektiert“, klingt nach pädagogisch wertvollem Edutainment. Sie ersetzt aber nicht die grauenhafte Lektüre von Primo Levi oder die Konfrontation mit der bürokratischen Perfektion des Terrors.
Hier liegt die Crux der modernen Erinnerungskultur. Sie will lebendig, kreativ und partizipativ sein – so die Formulierung von Madrona. Aber wird sie dadurch auch tiefgründig und schmerzhaft genug? Die Reise von Schülern des Instituts Joaquim Pla i Farreras zur Gedenkstätte Ravensbrück ist ohne Frage ein intensiveres Erlebnis als jede App. Doch auch solche Fahrten können im pädagogischen Programm ersticken. Die eigentliche Arbeit beginnt danach: die Verarbeitung des Unfassbaren, die Übersetzung der Leere, die diese Orte ausstrahlen, in eine Haltung, die für unsere Gegenwart relevant ist. Nicht als moralisches Feigenblatt, sondern als immunisierende Waffe gegen alle heutigen Formen der Entmenschlichung.
Gegen das Vergessen – oder gegen das Verharmlosen?
Die eigentliche Gefahr für die Erinnerung geht heute weniger von den offenen Leugnern aus. Sie kommt aus der Ecke der Verharmloser, der Relativierer und derjenigen, die meinen, man habe doch jetzt lange genug darüber gesprochen. Gegen diese Haltung helfen keine textilen Banner, so herzergreifend sie sein mögen. Es hilft nur argumentative Schärfe und historische Präzision. Wenn Sant Cugat, unterstützt von der Amical de Mauthausen und lokalen Historikern, diesen Weg geht – wenn die kreativen Formate nur der Türöffner für die harte inhaltliche Auseinandersetzung sind –, dann macht die Stadt alles richtig. Wenn die Form aber zum Selbstzweck wird, verraten wir die Deportierten ein zweites Mal.
Die Jugend ist nicht das Alibi für ein entschärftes Gedenken. Sie ist die Zielgruppe für die schonungsloseste Aufklärung. Nur so wird aus einer „demokratischen Verpflichtung“ eine demokratische Immunität.
Quellen: Die Informationen zu den Gedenkinitiativen stammen von der Website der Stadt Sant Cugat, die über die Veranstaltung zum „Dia de l’Homenatge als deportats espanyols als camps nazis“ berichtete. Die zitierten Aussagen der Beigeordneten Esther Madrona sind diesem offiziellen Kommuniqué entnommen.