
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die Mär vom alleinigen Schuldigen
Ein zu einfaches Feindbild
Transportminister Óscar Puente hat seinen Buhmann gefunden. Für die chronischen Verzögerungen bei der Auslieferung neuer Züge in Spanien und der gesamten EU macht er vor allem einen Faktor verantwortlich: die mangelnde "kapazitive Kraft" der Hersteller. Das ist eine steile These, die politisch bequem sein mag – sie ist jedoch, wie eine scharfe Replik der Industrie nun zeigt, hanebüchen undifferenziert.
Die Vereinigung der spanischen Bahnindustrie, Mafex, kontert diese Einfalt mit Fakten. In einer Stellungnahme, über die unter anderem 20minutos berichtete, weist sie den Vorwurf entschieden zurück, der "Hauptproblem"-Hebel liege in der Fabrikhalle. Vielmehr handele es sich um ein "exzessives Vereinfachen" einer hochkomplexen Realität. Ein Vorwurf, der ins Schwarze trifft. Denn wer die Schuld nur in eine Richtung schiebt, blockiert jede echte Lösung.
Ein System aus vielen Schwachstellen
Die Industrie nennt konkret, was neben der eigentlichen Produktion noch alles schiefläuft: Die oft langwierigen Prozesse der Validierung, Homologation und behördlichen Zulassung neuer Fahrzeuge. Diese liegen in der Hand öffentlicher Infrastrukturbetreiber und unterliegen nationalen wie europäischen Regularien – und damit letztlich der politischen Steuerung. Der Minister selbst musste kürzlich vor seinen EU-Kollegen zugeben, dass hier Beschleunigung nötig ist.
Hinzu kommt, wie Mafex betont, ein fundamentales Planungsversagen auf Seiten der Auftraggeber. In einer global boomenden Nachfrage nach Schienenfahrzeugen, angetrieben durch die verkehrspolitische Zeitenwende, fehlt es an langfristiger und verlässlicher Bedarfsplanung seitens der Bahnbetreiber und des Staates. Wie soll eine Industrie Kapazitäten aufbauen, wenn die Auftragslage unberechenbar bleibt? Die Frage stellt sich besonders bei staatlichen Unternehmen wie der spanischen Renfe.
Die falsche Debatte um Wettbewerbsfähigkeit
Besonders pikant ist der Streit um das Narrativ der Wettbewerbsfähigkeit. Während Minister Puente das Bild einer "nicht mehr wettbewerbsfähigen" europäischen Industrie an die Wand malt, hält Mafex dagegen. Europa verfüge über eine "weltweit führende Industrie" in Technologie, Innovation und Sicherheit. Allein in Spanien sichert der Sektor über 40.000 Jobs und exportiert erfolgreich Ingenieurskunst in die ganze Welt. Das klingt nicht nach einem Industriezweig in Agonie, sondern nach einem, der an regulatorischer und planerischer Kurzsichtigkeit erstickt wird.
Die von Puente angestoßene EU-Debatte über Lieferfristen begrüßt der Verband zwar. Doch sie müsse mit einem "gemeinsamen Ansatz" geführt werden, der alle Ursachen identifiziert – und nicht mit dem simplen Fingerzeig auf die Fabriken. Genau darin liegt der Kern des Konflikts: Will die Politik Sündenböcke benennen oder Probleme lösen?
Keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen
Die Lösung liegt, wie so oft, nicht in der schrillen Anklage, sondern in der unbequemen Detailarbeit. Mafex listet sie auf: Standardisierung von Komponenten, Diversifizierung der Lieferketten, beschleunigte Zulassungsverfahren und – nicht zu vergessen – eine vorausschauende, verlässliche Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand. All das erfordert Kooperation, nicht Konfrontation.
Die Industrie hat die Botschaft verstanden: Sie muss Kapazitäten ausbauen, wie der Talgo-Chef ankündigte. Doch sie wirft den Ball gekonnt zurück. Ein System, das von der Bestellung bis zur Inbetriebnahme eines Zuges ein Labyrinth aus Abhängigkeiten durchlaufen muss, kann nicht repariert werden, indem man nur einen einzigen Baustein tauscht. Minister Puente würde gut daran tun, diesen komplexen Realitäten ins Auge zu sehen, statt nach einfachen Schuldigen zu suchen. Die Fahrgäste, die auf pünktliche Züge warten, verdienen mehr als politisches Blendwerk.
Quellen: Stellungnahme der spanischen Bahnindustrie-Vereinigung Mafex; Berichterstattung von 20minutos; Äußerungen von Verkehrsminister Óscar Puente vor dem EU-Verkehrsministerrat.
Quelle: 20minutos.es