
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die desillusionierte Generation: Spaniens Jugend wendet sich von der Demokratie ab
Eine Generation im Werte-Beben
Die Diagnose ist alarmierend und sollte allen Demokraten den Schlaf rauben. Der jüngst vorgestellte Bericht "Jóvenes Españoles 2026" der Fundación SM zeichnet das Bild einer zutiefst desillusionierten, politisch heimatlosen Jugend. Fast 70 Prozent der 15- bis 29-Jährigen sind laut der Studie, für die fast 1.700 junge Menschen befragt wurden, mit dem Funktionieren der Demokratie wenig bis gar nicht zufrieden. Das ist kein Unmut mehr, das ist eine fundamentale Abkehr. Während das Centro de Investigaciones Sociológicas (CIS) noch bei der älteren Jugend auf Zustimmungswerte von über 80 Prozent für die Demokratie als beste Staatsform kommt, klafft hier ein Abgrund des Misstrauens auf. Die Autoren der Studie sprechen nicht von einer Krise, sie dokumentieren einen Systembruch im Werteempfinden einer ganzen Generation.
Spiritueller Synkretismus statt politischer Ideale
Doch wohin wendet sich diese unzufriedene Jugend? Die überraschendste Antwort der Studie liegt im Bereich des Glaubens. Zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen 1984 verzeichnet der Report einen signifikanten Anstieg der Religiosität. Für 38 Prozent der Jugendlichen ist Religion wichtig oder sehr wichtig, die Zahl der sich als katholisch Bezeichnenden – inklusive Nicht-Praktizierender – stieg von 31,6 auf 45 Prozent. Wer jetzt jedoch ein Wiedererwachen traditioneller Kirchlichkeit erwartet, liegt falsch. Es handelt sich um einen höchst individuellen, eklektischen Spiritualismus. Der Soziologe Juan María González-Anleo, einer der Studienautoren, spricht von einem "instrumentellen" Gebrauch der Religion. Die Jugendlichen picken sich zusammen, was ihnen nützt: 60,7 Prozent der praktizierenden jungen Katholiken glauben auch an Karma, fast die Hälfte an Reinkarnation, und über 40 Prozent an magische Künste oder Heilenergien. Es ist ein Supermarkt der Sinnangebote – ein deutliches Zeichen für die Suche nach Halt in einer als chaotisch empfundenen Welt, während klassische idealistische Werte wie Umwelt- oder Geschlechtergerechtigkeit an Strahlkraft verlieren.
Die verlockende Falle der "starken Hand"
Die politischen Konsequenzen dieser Orientierungslosigkeit sind brandgefährlich. Die Studie offenbart eine erschreckende Anfälligkeit für autoritäre Versprechungen. 55,8 Prozent der befragten Jugendlichen stimmen der Aussage zu, manchmal brauche es eine "starke Hand", auch auf Kosten von Freiheiten. Noch verheerender: Drei Viertel sind der Meinung, die Demokratie würde funktionieren, wenn mehr Experten und weniger Politiker entscheiden würden. Das ist die klassische Einladung an Technokraten und Demagogen gleichermaßen. Hier offenbart sich das fatale Missverständnis einer Generation, die Demokratie mit Effizienz verwechselt und Politik mit lästiger Debatte. Der Frust über eine als korrupt und inkompetent wahrgenommene politische Klasse – "alle Politiker sind gleich", meinen 73,8 Prozent – mündet nicht in den Wunsch nach besserer, lebendigerer Demokratie, sondern nach ihrer Aussetzung. Die Studie zeigt zudem eine Verschiebung im ideologischen Selbstverständnis: Während sich weniger Jugendliche der Linken oder Mitte-Links zuordnen, gewinnen die Positionen der Mitte-Rechts und Rechten an Zulauf.
Migration: Assimilation statt Multikulti
Auch bei den Einstellungen zur Einwanderung zeichnet die Langzeitanalyse einen klaren Trend. Die assimilatorische Haltung hat stark an Boden gewonnen. 2025 sind 72 Prozent der Meinung, Migranten müssten sich an die spanische Kultur anpassen – ein Sprung von 25 Prozentpunkten innerhalb von fünf Jahren. Die multikulturelle Haltung, die alle Bräuche der Zugewandten schützen will, verliert dagegen an Unterstützung. Interessant ist der Widerspruch in den wirtschaftlichen Einstellungen: Die xenophobe Mär, Einwanderer "nähmen die Arbeit weg", verliert deutlich an Zustimmung (von 78% auf 43% seit 2005), während die Anerkennung der wirtschaftlichen Notwendigkeit von Zuwanderung stabil bleibt. Es geht also weniger um ökonomische Ängste, sondern zunehmend um kulturelle Identität – ein Nährboden für rechte Narrative.
Die Präsentation der Ergebnisse in Madrid hinterlässt ein beunruhigendes Fazit. Die junge Generation Spaniens, so warnt González-Anleo, habe keine Erfahrung mit Diktatur und idealisiere daher möglicherweise schnelle, autoritäre Lösungen. Ihr politisches Wissen beziehe sie zudem immer mehr aus sozialen Medien, die weniger informierten als manipulierten. Eine Demokratie, die es nicht schafft, diese Generation von ihrem eigenen Wert zu überzeugen und ihre legitimen Frustrationen in konstruktive Bahnen zu lenken, hat ihre Zukunft bereits verspielt. Die Studie ist nicht nur eine Momentaufnahme, sie ist eine schrille Warnung.
Quellen: Fundación SM, "Informe Jóvenes Españoles 2026" (basierend auf rund 1.700 Befragungen); Juan María González-Anleo, Soziologe und Co-Autor der Studie; Centro de Investigaciones Sociológicas (CIS) zum demokratischen Grundkonsens.