
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die Ausnahme: Ein Amtsträger wich dem Maskenskandal aus
Ein System der Gefügigkeit
Die Ermittlungen der Guardia Civil im Zusammenhang mit den mutmaßlich korrupten Geschäften um Pandemiematerial wie Masken und PCR-Tests auf den Balearen zeichnen ein klares Bild. Gemäß dem mehr als 300 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht an die Audiencia Nacional, der dieser Redaktion vorliegt, bestanden enge Verbindungen zwischen der damaligen Regionalregierung unter Francina Armengol (PSOE) und der als kriminelle Vereinigung verdächtigten Gruppe um Koldo García und Víctor de Aldama. Die Kommunikation reichte von der Präsidentin selbst bis hin zu Ministerinnen und leitenden Beamten des Gesundheitsdienstes IB-Salut. Diese wurden, wie aus den Akten hervorgeht, zu einer "kollektiven Prostration" vor den mutmaßlichen Strippenziehern verpflichtet.
Der Mann, der auswich
Innerhalb dieses dokumentierten Geflechts aus Anweisungen und scheinbar willfähriger Kooperation sticht eine Person heraus: Atanasio 'Nacho' García Pineda. Zum fraglichen Zeitpunkt war er Generaldirektor für Gesundheitsversorgung beim IB-Salut und damit in einer Schlüsselposition für die Beschaffung. Im Gegensatz zu anderen hochrangigen Mitarbeitern gelang es García Pineda laut der Untersuchungsakte, sich von mindestens zwei als betrügerisch eingestuften Operationen – dem Kauf unbrauchbarer Masken und verfassungswidriger verpflichtender Covid-Tests – zu distanzieren.
Die Guardia Civil hat die gesamte elektronische Korrespondenz gesichtet. Die Analyse zeigt ein Muster ausweichender, nicht verpflichtender Antworten García Pinedas auf direkte Aufforderungen der Aldama-Gruppe. Auf die Forderung, eine führende Position bei der Auftragsvergabe einzunehmen, antwortete er: "Ich habe Ihre Information an den Gesundheitsdienst weitergeleitet." Auf nachdrücklichere Forderungen reagierte er mit Verweis auf ausstehende Rückmeldungen oder mit dem Hinweis auf "viel Durcheinander". Diese Formulierungen, stets im Stil eines bloßen Empfangsbestätigung, vermieden jede ausdrückliche Zusage und schufen eine dokumentierbare Distanz.
Die bewusste Entscheidung
Diese dokumentierte Zurückhaltung steht im Kontrast zu den "beschämend involvierten" Kommunikationen anderer Amtsträger, wie es im Untersuchungsbericht heißt. Sie führt zu einer zentralen Schlussfolgerung: Der Sonderfall García Pineda belegt, dass die Verantwortlichen in der Verwaltung die illegitimen Absichten des Systems Koldo/Aldama erkannten. Sie trafen jedoch bewusste Entscheidungen – die Mehrzahl für die Gefügigkeit, ein Einzelner für die verdeckte Verweigerung.
Ein weiterer leitender Beamter, der damalige IB-Salut-Generaldirektor Juli Fuster, wird in den Akten als "zweiter skeptischer Amtsträger" geführt. Ihm wird zugeschrieben, den Betrug durchschaut, sich aber nicht gegen seine Vorgesetzten durchgesetzt zu haben. Der Bericht führt ein Indiz an: Bei einer Lieferung von Masken, die Fuster genehmigte, wurde die Herkunft der Ware bewusst aus den Unterlagen getilgt – ein Vorgang, der bei keiner anderen Lieferung auftrat.
Strukturelle Verflechtungen
Die Untersuchung wirft auch ein Schlaglicht auf die politisch-ökonomischen Strukturen auf Mallorca. Der Bericht verweist auf eine historische Dominanz politischer Netzwerke aus dem Süden der Insel, konkret aus den Gemeinden Campos, Felanitx und Santanyí. Diese Hegemonie korreliere, so der Eindruck der Ermittler, mit der Kontrolle von Küstenentwicklungsprojekten durch lokal ansässige Unternehmen, teilweise mit verwandten Nachnamen. Dieses System, so die implizite Anklage, operiere weitgehend ohne wirksame oppositionelle Kontrolle.
Quelle: Die Analyse basiert auf dem Untersuchungsbericht der Guardia Civil (Unidad Central Operativa, UCO) für die Audiencia Nacional im Fall der mutmaßlich korrupten Pandemie-Beschaffungen auf den Balearen.