
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der letzte Hutmacher von Palma
In der Carrer Sindicat, einer Straße in Palmas Altstadt, tickt die Zeit anders. Während rundherum immer mehr Geschäfte auf die Bedürfnisse der Besucherströme ausgerichtet werden, steht hier ein Laden, der seit 1889 existiert: die Sombrerería Casa Juliá. Es ist die letzte verbliebene Hutmacherwerkstatt auf der gesamten Insel Mallorca. Geführt wird sie heute von Silvia und Daniel Estela, der vierten Generation der Familie.
Liebe zum Handwerk statt Maximierung des Profits
Die Gründe, warum der Betrieb nach 128 Jahren noch existiert, sind für Silvia Estela einfach, wie sie im Gespräch erklärt. „Erstens gehört uns das Ladengeschäft. Und zweitens lieben wir dieses Geschäft mehr als das Geld.“ Sie räumt ein, dass sie finanziell mehr verdienen könnten, wenn sie für jemand anderen oder in einem anderen Beruf arbeiteten. „Aber die Gefühle stellen manchmal alles andere in den Schatten“, so Estela. Die Kundschaft sei zu 50 Prozent lokal, die andere Hälfte seien Touristen. Die starken Monate lägen zwischen Frühling und Sommer, die Winter seien seit einigen Jahren schwach.
Das Vertrauen der Stammkunden sei da, aber mit einem „Aber“. „128 Jahre Bestehen bedeuten, dass wir noch niemanden übers Ohr gehauen haben. Die Kunden gehen von Generation zu Generation weiter“, sagt Estela. Dennoch sei es keine gute Zeit für den kleinen Einzelhandel. Die Konkurrenz durch Internet und große Kaufhäusse sei enorm. „Und es gibt immer noch eine gewisse Klientel, die uns nicht genug wertschätzt.“
Die „Resistenz“ in einer sich wandelnden Straße
Sie bezeichnet sich und andere verbliebene Traditionsbetriebe selbst als „die Resistenz“. „Irgendwann werden wir das Außergewöhnliche sein. Wir sind es, die den Straßen ihren Charakter und ihre Authentizität verleihen“, ist sie überzeugt. Interessanterweise komme die größte Wertschätzung oft von auswärtigen Gästen. „Touristen betreten den Laden, sagen, wie schön er ist, und schwärmen von unseren außergewöhnlichen, einzigartigen Stücken.“
Hier sieht Estela einen großen Unterschied zur einheimischen Mentalität. „Ich glaube, wir sind auf der Insel im Vergleich zu anderen Orten im Rückstand. In großen europäischen Städten hat man diese Art von Geschäft schon längst verloren und schätzt sie ungemein. Der Mallorquiner schätzt es erst, wenn er es schon verloren hat.“ Dieses Phänomen beobachte sie regelmäßig in den sozialen Medien. „Mit jeder Schließung eines Traditionsladens füllen sie sich mit Bedauern. Ja, aber: Warst du denn auch dort einkaufen? Eben. Deshalb sage ich, wir müssen die Dinge schätzen, wenn wir sie noch haben, und nicht erst, wenn wir sie verlieren.“
Alleingang ohne institutionelle Hilfe
Trotz ihrer Rolle als touristische Attraktion – der Laden steht in Reiseführern – fühlt sich das Geschäft von offizieller Seite im Stich gelassen. „Wir sind ein Anziehungspunkt, und andere profitieren davon, aber sie helfen uns in nichts“, kritisiert Silvia Estela. Einzige Ausnahme sei eine einmalige Subvention von Palma Activa. „Wir halten uns allein über Wasser.“
Die Sombrerería Casa Juliá ist mehr als nur ein Geschäft. Sie ist ein lebendiges Archiv des Handwerks und ein Zeugnis des wandelnden Stadtbildes von Palma. Ob sie auch die fünfte Generation sehen wird, hängt nicht nur von der Leidenschaft der Familie, sondern auch von der Wertschätzung der Gesellschaft ab – und zwar bevor es zu spät ist.
Quelle: Gespräch mit Silvia Estela, Sombrerería Casa Juliá.