Basisdemokratie oder Machterhalt? Das giftige Spanien-Duell

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Basisdemokratie oder Machterhalt? Das giftige Spanien-Duell

von Sabine Keller

Gift und Galle statt politischer Kultur

Die Luft im Madrider Parlament war vergiftet, als sich die beiden Kontrahenten gegenüberstanden. Was als reguläre Fragestunde begann, entpuppte sich schnell als eine der erbarmungslosesten Konfrontationen seit Langem. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo (PP) ging mit drastischen Worten in die Offensive: Er forderte Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE) auf, endlich “diesen Müll” nicht weiter zu strecken und vorgezogene Neuwahlen anzuberaumen. Die Vorwürfe, die er dem Regierungschef um die Ohren haute, sind von einer Schärfe, die das parlamentarische Klima auf einen neuen Tiefpunkt bringt. Feijóo bezichtigte Sánchez laut 20minutos.es nichts Geringeres als der “Praxis von Staatsverbrechen” durch einen eigenen “Gestapillo” – eine bösartige Anspielung auf angebliche dunkle Machenschaften im Umfeld der Regierung.

Sein Kernargument: Nur eine Neuwahl könne dem Land die dringend nötige politische Hygiene zurückgeben. “Die Mehrheit dieses Hauses fordert Wahlen”, so Feijóo. Die Legitimität der aktuellen Regierung sei aufgebraucht, überschattet von einer beispiellosen Justizlage. Er prophezeite Sánchez einen Platz in den Geschichtsbüchern – nicht als Reformer, sondern als “Anstifter, Finanzier und Nutznießer” des “schwersten Korruptionsfalls der Demokratie”.

Sánchez’ Verteidigung: Gegenangriff als beste Parade

Pedro Sánchez ließ sich nicht lumpen. Statt sich in Rechtfertigungen zu verlieren, konterte er mit dem, was im politischen Madrid oft als die effektivste Verteidigung gilt: dem brutalen Gegenangriff. Ja, er erkenne Fehler an, nein, er nehme keine “Heuchelei-Lektionen” von der Volkspartei entgegen. In einer schnellen rhetorischen Abfolge zog Sánchez die großen Korruptionsskandale der PP-Vergangenheit aus der Mottenkiste: Gürtel, Púnica, Kitchen, die “patriotische Polizei”.

Sein Trumpf: die immer wieder zitierte Fotografie Feijóos mit dem verurteilten Drogenhändler Marcial Dorado. “Ich werde keine Lektionen von der Partei des Marcial Dorado annehmen”, fuhr er seinem Widersacher über die Tribüne. Für Sánchez ist die Forderung nach Neuwahlen nichts weiter als der verbitterte Kampf einer Opposition, die ihr Wahlergebnis von 2023 noch immer nicht verdaut hat. “Sie geben Lektionen in Legitimität, während sie Korruption vertuschen”, konstatierte er scharf.

Die eigentliche Frage: Wer hat das Mandat?

Unter dem giftigen Austausch verbirgt sich die grundlegende verfassungsrechtliche und demokratietheoretische Frage dieser Legislaturperiode: Wann ist eine Regierung am Ende? Für Feijóo ist der Punkt längst überschritten. Die Ansammlung von Ermittlungsverfahren – er sprach von zwölf Sumarien, siebzehn Delikten und fast hundert Beschuldigten, die Regierung und PSOE umkreisen – raube der Exekutive jede moralische Autorität.

Sánchez hingegen beruft sich auf das pure, formale demokratische Mandat. Die Spanier hätten vor keine drei Jahren ihr Urteil gesprochen, die Legislatur dauere bis 2027. “Das Problem ist nicht, dass das Volk keine Stimme hat, die hat es. Das Problem ist, dass Sie keine eigene Stimme haben”, konterte er Feijóo und unterstellte ihm, nur als Sprachrohr bestimmter wirtschaftlicher Interessen zu agieren, die sich an der Politik der Mindestlohnerhöhungen und gestärkten Renten stören.

Ein toxischer Status quo bis 2027?

Der Regierungschef machte unmissverständlich klar, dass er nicht zurückweichen wird. Seine Agenda werde trotz aller “manipulativen” Oppositionsmanöver weiterverfolgt. Die Botschaft war ein Donnerschlag in die Debatte: Diese Regierung werde “alle Jahre weiterregieren, die die Spanier wollen”. Ein Hinweis auf eine mögliche erneute Kandidatur über 2027 hinaus.

Am Ende des Duells standen sich zwei unversöhnliche Realitäten gegenüber. Die eine, geprägt von Feijóo, sieht einen Staat, der von Korruption zerfressen ist und seiner demokratischen Grundlage beraubt wurde. Die andere, verkörpert durch Sánchez, sieht eine handlungsfähige Regierung, die gegen die Interessen der alten Eliten Reformen durchboxt und von einer ohnmächtigen Opposition nur beschmutzt wird. Eines ist sicher: Der Weg bis 2027 wird lang, und die Luft in Madrid bleibt dick. Die Parlamentsdebatte zeigte nicht den Weg aus der Krise, sondern zementierte ihn als neuen, giftigen Alltag.


Quelle: 20minutos.es

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