Zwischen Plakaten und Pistolen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Zwischen Plakaten und Pistolen

von Sabine Keller

Widerstand in Ruinen

Die Sonne ist ein rares Gut in den fensterlosen, dunklen Räumen der alten Gefängnisanlage von Palma. Osama, 25 Jahre alt, tritt ohne T-Shirt ins improvisierte Hoflicht. Der Blick geht über zerbrochene Fernseher, verstreute Blechdosen und einen Berg von Müll – die Hinterlassenschaften der etwa 20 Menschen, die hier noch hausen. „Denkt ihr, wir leben gerne ohne Wasser und Strom, umgeben von Schmutz?“ Diese Frage, gerichtet an eine Gesellschaft, die wegschaut, ist der verzweifelte Aufschrei der letzten hundert Menschen, die hier bleiben, weil sie keine andere Wahl haben: „Wir haben keinen Ort, zu dem wir gehen können.“

Die Odyssee endet im Niemandsland

Osamas Geschichte ist eine von riskanten Hoffnungen. Vor zwei Jahren und vier Monaten schwamm er acht Stunden lang von Marruecos nach Ceuta. Er hatte Glück. Seine Bruder, der denselben Weg versuchte, ertrank im Mittelmeer. Nach vier Monaten in einem Asylzentrum wanderte Osama durch Algeciras, Málaga, Valencia und schließlich Palma. Hier fand er zunächst Arbeit als Rettungsschwimmer und eine Unterkunft. Doch der Verlust seiner Aufenthaltsgenehmigung – der „roten Karte“ – riss ihm diese Existenz weg. „Ich habe keine Papiere, das Rathaus von Palma hat uns keine Option gegeben. Ich kann nichts tun“, sagt er, während er auf eine Regularisierung seiner Situation wartet, die immer wieder aufgeschoben wird.

Sein aktueller „Zuhause“ ist ein 35 Quadratmeter Raum, den er mit acht weiteren Personen teilt. Eddine, 22 Jahre alt, teilt dieses Schicksal. Er kam drei Jahre ago mit einem Schlauchboot, arbeitete zwei Jahre in einem Restaurant in Santa María del Camí, bis er wegen seines Papierstatus gekündigt wurde. „Bis jetzt habe ich noch keinen glücklichen Moment erlebt“, gesteht er.

Die Würde der Verzweiflung

Luisa Santiago, 58 Jahre alt, ist die stillschweigende Anführerin dieser verarmten Gemeinschaft. Sie und ihr Mann leben seit September 2022 in der alten Gefängnisanlage. Sie widerspricht vehement den öffentlichen Darstellungen, dass die Stadt Lösungen angeboten habe: „Sie haben uns nichts angeboten. Niemand würde hier sein, ohne Wasser und Licht, umgeben von Müll, wenn er eine Wohnung annehmen könnte.“ Ihre Kritik an der städtischen Hilfe ist unmittelbar: Ein Polizeizelt kontrolliert den Zugang, doch praktische Unterstützung bleibe aus. „Sie erklärten uns, dass sie nur finanzielle Hilfe geben könnten, wenn wir eine Wohnung finden. Und eine der zwei Telefonnummern, die sie uns gab, gehört der Cruz Roja, die andere existiert nicht.“

Seit acht Jahren warten sie auf eine Wohnung des balearischen Wohnungsinstituts (Ibavi). „Wir sind registriert und erneuern unsere Anmeldung regelmäßig, aber sie haben uns noch nichts gesagt.“ Der Wendepunkt kam, als ihr Mann, ein Schalungsbauer, nachdem er sein rechtes Augenlicht verloren hatte, seine Arbeit nicht mehr ausführen konnte. „Wir verloren den Job und das Haus. Wir wurden Obdachlose“, erzählt Luisa. Sie erhielten eine Abfindung von 4.000 Euro für ihre frühere Wohnung und landeten schließlich hier.

Das System der Ausgrenzung

Die ökonomische Realität ist gnadenlos. Luisas Mann bezieht 1.000 Euro monatlich als Invaliditätsrente. Als seine eingetragene Lebenspartnerin hat Luisa keinen Zugang zur Grundsicherung (Renta mínima vital). „Mit 1.000 Euro müssen wir zwei Personen unterstützen, und mit dem Rest – was für eine Wohnung können wir dann anstreben?“ Die Preise auf Mallorca machen eine reguläre Unterkunft für sie unmöglich.

Die Alternative – ein öffentliches Shelter – ist keine. Erstens müssen sie dort „mit Schuhen und voller Kleidung schlafen, damit man sie nicht bestiehlt“. Zweitens sind diese Shelters regelmäßig überfüllt. Über hundert Menschen haben die Gefängnisanlage bereits verlassen, doch Luisa behauptet, viele seien nur gegangen, weil sie die offiziellen Schreiben und Anforderungen nicht lesen konnten.

Eine verlorene Generation

Luisa beschreibt den sozialen und psychologischen Absturz: „Du verwandelst dich in einen sozialen Abfall. Man hat Angst vor dir oder empfindet die Gerüche als ekelerregend.“ Ihre Familie hat sich distanziert; nur ein Enkel besucht sie noch. Ihre Motivation ist simple Überlebenslogik: „Ich bleibe hier, weil ich keinen anderen Schlafplatz habe. Hier habe ich mein Bett, mein Sofa, meine Sachen.“

Sie richtet eine direkte Herausforderung an Jaime Martínez, den Bürgermeister von Palma: „Ich lade ihn ein, hier 24 Stunden zu verbringen, zu sehen, ob er den Mut dazu hat.“

Diese Stimmung teilen auch Hamza und Haroune, die ebenfalls mit einem Schlauchboot ankamen. Ihre Bilanz ist bitter: „Wir waren besser in Marruecos. Wir hatten unsere Familie, Essen und ein Heim. Aber wir können nicht einfach so zurückkehren; ohne Papiere zurückzugehen wäre eine Demütigung für uns.“

Kontrolle statt Lösung

Am anderen Ende des Gefängniskomplexes, nahe dem Ocimax-Gebiet, ändert sich das Bild. Mehrere Zelte der Policía Local von Palma kontrollieren nun die Ein- und Ausgänge. Haïthem, der seit acht Monaten hier lebt, bemerkt: „Jetzt sind wir ruhig, alles ist viel kontrollierter.“ Doch auch er lamentiert, dass keine langfristige Lösung für die Bewohner angeboten wurde.

Die Situation in der alten Gefängnisanlage von Palma, wie sie von Diario de Mallorca dokumentiert wurde, ist ein mikroskopisches Bild einer größeren Krise: Ein System, das Migration ermöglicht, aber Integration systematisch aussticht. Es ist der Beweis, dass Kontrollmaßnahmen keine humanitären Lösungen sind, und dass die Rhetorik der „Regularisierung“ oft ein leeres Versprechen bleibt für diejenigen, die am meisten darauf angewiesen sind.


Quelle: diariodemallorca.es