
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Wenn die Seele junger Menschen leidet
Die Pandemie war ein Weckruf für Gustavo Rodríguez. Als Psychologe bemerkte er, dass die psychischen Probleme bei Kindern und Jugendlichen nicht nur häufiger, sondern auch schwerwiegender wurden. Diese alarmierende Entwicklung trieb ihn zu umfangreichen Recherchen und schließlich zu einem Buch, das jetzt im Verlag San Pablo erschienen ist. „Ich wollte Antworten finden“, sagt Rodríguez. „Warum leiden so viele junge Menschen?“
Die stille Rolle der Technologie
Bei seiner Suche stieß er auf einen beunruhigenden Zusammenhang: Den starken Anstieg psychischer Auffälligkeiten sieht er in direkter Verbindung mit der Verbreitung digitaler Technologien. „Es gibt eine klare Korrelation“, erklärt Rodríguez. „2008, mit dem Aufkommen des Smartphones, und 2013, mit der Einführung von 4G und Glasfaser in Spanien, sind markante Sprünge in den Fallzahlen zu erkennen.“
Die Mechanismen sind vielfältig. Besonders Mädchen leiden laut Studien unter den idealisierten Körperbildern in sozialen Medien, was das Risiko für Essstörungen erhöht. Jungen hingegen geraten häufig in die Abhängigkeit von Videospielen, die mit ausgeklügelten Belohnungssystemen arbeiten. „Diese Systeme sind bewusst suchtfördernd und sollten verboten werden“, fordert Rodríguez, der auf eine entsprechende gesetzliche Regelung hofft.
Warnsignale erkennen und Vertrauen schaffen
Ein besonders sensibles Thema ist die steigende Suizidgefahr. Rodríguez, der auch beim „Teléfono de la Esperanza“ (Telefon der Hoffnung) engagiert ist, berichtet von vielen Anrufen junger Menschen mit schweren Ängsten, Depressionen oder sogar suizidalen Gedanken. Die Grenze zwischen pubertärer Stimmungsschwankung und ernsthaftem Problem sei für Eltern und Lehrer schwer zu ziehen. „Ein Drittel der Jugendlichen verletzt sich selbst“, gibt Rodríguez zu bedenken. Wichtig sei, konstante Niedergeschlagenheit ernst zu nehmen und professionelle Hilfe zu suchen – und nicht als „Aufmerksamkeitssuche“ abzutun.
Ein zentrales Problem sieht er im fehlenden Gespräch innerhalb der Familie. „In der Adoleszenz bricht das Vertrauen zu den Eltern oft ein. Viele schämen sich oder wissen nicht, wie sie ihre Probleme zu Hause ansprechen sollen“, so seine Erfahrung. Hier sei ein behutsamer Neuanfang nötig.
Schule als sicherer Hafen – mit Defiziten
Die Schule spielt eine Schlüsselrolle: Laut Rodríguez wird die Hälfte aller psychischen Probleme im schulischen Umfeld erkannt. Für viele Jugendliche ist die Schule ein Rückzugsort, wo sie sich mehr gehört fühlen als zu Hause. „94 Prozent der Kinder fühlen sich in der Schule aufgehoben“, so der Psychologe.
Doch sind die Lehrer dafür gerüstet? „Nein, wir sind nicht ausreichend vorbereitet, aber wir versuchen es aus der Not heraus“, gibt Rodríguez offen zu. Man orientiere sich an den Schulpsychologen, aber es fehle massiv an systematischer Fortbildung. Programme zur emotionalen Intelligenz, in denen Jugendliche lernen, ihre Gefühle zu identifizieren und auszudrücken, seien noch die Ausnahme.
Mit seinem Buch möchte Rodríguez vor allem eins: Aufmerksamkeit schaffen. „Es ist ein Instrument, um das Problem sichtbar zu machen und Eltern sowie Lehrer zu sensibilisieren. Sie müssen sich mehr sorgen und vor allem mehr zuhören.“ Sein Projekt habe bereits seine Erwartungen übertroffen, und er hofft, dass die Botschaft noch viele weitere Familien und Schulen erreicht.
Das Interview führte Clara Weber basierend auf einem Gespräch mit Gustavo Rodríguez, das im „Diario de Mallorca“ veröffentlicht wurde.
Quelle: diariodemallorca.es