Vom Musentempel zur kulturellen Fast-Food-Filiale

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Vom Musentempel zur kulturellen Fast-Food-Filiale

von Sabine Keller

Museen sind keine Kathedralen mehr – oder sollten es nicht sein

Fragen Sie sich einmal selbst: Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an ein Museum denken? Stille, Ehrfurcht, vielleicht auch Langeweile? Genau dieses antiquierte Bild, so die These der Museologin und Kunsthistorikerin Aina Ferrero Horrach, hält die Gesellschaft von einem lebendigen Kulturbetrieb ab. In ihrem pointierten Essay “12+1 museologische Häresien” dekonstruiert sie den “Museumstempel” des 19. Jahrhunderts und fordert eine radikale Neuausrichtung: weg von der laizistischen Kathedrale mit Vitrinen als Altären und Besuchern als schweigenden Gläubigen, hin zu einem offenen, sozialen und partizipativen Ort. Ein Ort, an dem man sich amüsiert, diskutiert und inspiriert fühlt – und nicht bloß bildet.

Das “Antigebot”: Schützt das Lokale vor der McDonaldisierung

Eine ihrer zentralen Provokationen richtet sich direkt gegen die aktuelle Kulturpolitik auf Mallorca. Wie die Autorin in einem Interview mit dem Diario de Mallorca darlegte, widerspricht der Plan, Teile der Sammlung des Madrider Thyssen-Bornemisza-Museums nach Palma zu holen, fundamental ihrem “Antigebot”: “Du sollst nicht die Sammlungen anderer begehren.” Diese Strategie des Imports großer Namen ist für Ferrero Horrach ein Auslaufmodell, eine museale “McDonaldisierung”. “Internationale Bestrebungen zielen darauf ab, genau das zu stärken, was einen Ort einzigartig macht und eigenes patrimoniales Wert besitzt”, argumentiert sie. Eine solche Wanderausstellung könne man genauso gut in Dubai oder Singapur sehen – sie schaffe keine lokale Verankerung, sondern nur kulturellen Einheitsbrei.

Stattdessen lobt sie die kleinen, lokal verwurzelten Museen Mallorcas. Diese seien die wahren Verbündeten für eine zugängliche Kultur, da sie nah an ihren Communities dran sind und deren Bedürfnisse kennen. Ein gutes Museum definiert sich laut den Richtlinien des Internationalen Museumsrates (ICOM) auch über seine soziale Funktion im Dienst der Gemeinschaft. Dieses Potenzial verspiele man, wenn man nur auf prestigeträchtige Leihgaben starre.

Vom Gebot zum “Antimandamiento”: Ein Manifest für das Museum des 21. Jahrhunderts

Ferrero Horrachs andere “Antigebote” lesen sich wie ein Manifest für den dringend benötigten Wandel: “Du wirst den Besucher nicht mit bleischweren Beschriftungen langweilen”, “Du wirst keine unreinen Ausschlüsse begehen”, “Du wirst die Illusion der Kleinsten nicht stehlen” oder “Du wirst das Objekt nicht über die Person stellen”. Ihr Credo fasst die Vision prägnant zusammen: Das Museum der Zukunft sollte keine Kathedrale mehr sein, sondern ein Platz; es sollte nicht mehr von Vitrinen-Altären herab predigen, sondern “Gespräche führen, zuhören und sich herausfordern lassen”.

Doch wie kommt man dahin? Wie erreicht man die große Mehrheit, für die Museen unattraktiv sind? Die Expertin setzt auf einen zweigleisigen Ansatz: Erstens auf eine sinnstiftende Programmierung, die auf reale Bedürfnisse antwortet. Zweitens – und das ist die eigentliche Kernarbeit – auf beharrliche Verankerungsarbeit: Bindung schaffen, emotionale Kampagnen entwickeln, Kulturerbebildung in Schulen betreiben und zielgruppenspezifische Angebote machen, die den ersten Schritt erleichtern. Es geht um Beziehungspflege, nicht um Event-Hopping.

Die Quintessenz ist scharf formuliert: Die Ära des museum as a temple ist vorbei. Wer jetzt noch in teuren Leihgaben und ikonischer Architektur den Heilsbringer sieht, betreibt nichts anderes als Fast-Food-Kultur. Die wahre Häresie liegt heute im Festhalten am Elitären. Die Zukunft gehört den Museen, die mutig genug sind, sich als lebendige, laute und manchmal auch ungehorsame Marktplätze der Ideen zu begreifen.

Quelle: Interview mit Aina Ferrero Horrach im “Diario de Mallorca” sowie ihr Essay “12+1 herejías museológicas” (Ediciones Asimétricas).


Quelle: diariodemallorca.es

Mehr aus Palma de Mallorca & Mallorca & Balearen