
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Nacho Duato: "Ich denke nie daran, den Mund zu halten"
Die Kunst ist kein schmückendes Beiwerk
Nacho Duato ist keine Person der leisen Töne. Das macht den spanischen Choreografen und ehemaligen Leiter des Mikhailovsky-Balletts einerseits zur prägenden Figur des zeitgenössischen Tanzes, andererseits zum unbequemen Mahner. In einem Gespräch, aus dem das spanische Diario de Mallorca zitiert, verschmelzen Kunst und Politik, Leidenschaft und Anklage zu einer unmissverständlichen Botschaft: Der Tanz ist für ihn kein ästhetisches Spiel, sondern ein Medium der existenziellen und politischen Aussage. Und diese Aussage fällt derzeit düster aus.
"Wie ich diese Zeiten ertrage? Furchtbar", sagt Duato unverblümt. "Jedes Mal schlimmer." Sein Blick richtet sich scharf auf die internationale Politik: "Mit diesem Hurensohn im Weißen Haus, der den Befehlen eines Völkermörders wie Netanyahu folgt, was konnten wir da erwarten?" Die von den USA verhängten Sanktionen beziffert er als Todesursache für "38 Millionen Menschen" im laufenden Jahrhundert – ein Tod nicht nur durch Bomben, sondern durch Hunger und fehlende Medikamente. Seine eigene künstlerische Antwort auf menschliches Leid findet sich in Stücken wie Gnawa, inspiriert von nordafrikanischen Rhythmen, oder Liberté, das die Lieder versklavter Menschen aus Sierra Leone aufgreift. Hier zeigt sich seine Handschrift: globale Themen durch die universelle Sprache des Körpers erfahrbar zu machen.
Ein Schlaglicht auf die deutsche Kulturpolitik
Doch Duatos Kritik ist nicht nur global, sie ist auch nah und persönlich. Er beklagt einen systematischen Niedergang der Hochkultur in Spanien, der sich beispielhaft an der fehlenden öffentlichen Präsenz der Compañía Nacional de Danza zeige. "Niemand kennt den Namen ihrer neuen Direktorin", stellt er fest. Dieser Zustand ist für ihn kein Zufall, sondern Folge einer Politik, die Kultur für verzichtbar hält. "Es gibt keine Subventionen, nur mehr Bürokratie", so sein Urteil. Seine bittere Ironie gipfelt im Bild: Zum Welttanztag wünsche er sich "einen Trauerzug mit Tänzerinnen in schwarzen Schleiern". Diese provokante Diagnose ist ein Schlaglicht, das auch auf Deutschland fällt. Wo hierzulande Theateretats schrumpfen, Ensembles um ihr Überleben kämpfen und der operative Betrieb die künstlerische Freiheit erstickt, zeigt Duato die Konsequenz auf: eine entmündigte, unsichtbare Kunst.
Sein Engagement hat für ihn konkrete Konsequenzen. "In Madrid hat man mir zwischen 10 und 12 Vorstellungen gestrichen, weil ich mich über Frau Ayuso und die Faschisten ausgelassen habe", berichtet er. "Aber das ist mir egal. Ich denke nie daran, den Mund zu halten." Diese Härte demonstrierte er zuletzt, als er den Mexiko-Besuch der Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso kommentierte: "Ich sterbe vor Scham, dass eine so wunderbare Präsidentin wie die von Mexiko den Unsinn von Ayuso ertragen muss!" Für Duato ist klar: Kunst und Schweigen schließen sich aus.
Die analoge Revolte gegen digitale Oberflächlichkeit
In einer Welt, die von Künstlicher Intelligenz und digitaler Dauerkommunikation geprägt ist, betreibt Duato bewusst analoge Gegenwehr. In seiner Compagnie sind Handys verboten. "Sie hören Musik, arbeiten sechs Stunden mit dem Körper, korrigieren... Das sind andere Menschen", erklärt er den Unterschied zu einer Jugend, die "den ganzen Tag am Handy hängt und PlayStation spielt". Zwar glaubt er an die junge Generation, doch seine Forderung ist klar: Konzentration und Hingabe statt digitaler Zerstreuung.
Seine Abneigung gegen die KI ist tief. "Ich finde es überhaupt nicht lustig, Putin als Ballerina zu sehen, wie er mit Trump und Abascal tanzt", sagt er und verweist auf derzeit kursierende Deepfake-Videos. "Man kann nicht mit etwas so Ernstem spielen." Seine Bühnen brauchen keine holografischen Effekte; seine Ballette sollen "auf dem Dorfplatz getanzt werden können". In dieser Rückbesinnung auf das Unmittelbare, Körperliche und handwerklich Perfekte liegt vielleicht die radikalste Provokation unseres digitalen Zeitalters. Nacho Duato tanzt nicht nur – er leistet Widerstand. Mit jedem Schritt, mit jedem Wort. Und das wird, so seine implizite Botschaft, auch in Zukunft nötig sein.