
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Kunden zweiter Klasse – die brutale Realität der Stromtarife
Willkommen im Tarif-Dschungel
Die spanischen Stromkonzerne haben ein perfides System perfektioniert: Sie zocken ihre eigenen Kunden ab. Nicht etwa durch Tricksereien im Kleingedruckten, sondern indem sie schlichtweg unterschiedliche Tarife für unterschiedliche Kundengruppen bereithalten – und die treuen Seelen, die jahrelang nicht wechseln, zahlen die Zeche. Die Organisation der Verbraucher und Nutzer (OCU) hat fast 10.000 Rechnungen durchleuchtet und kommt zu einem vernichtenden Befund: Die Branche betreibt ein Zwei-Klassen-System.
„Es gibt Kunden erster und zweiter Klasse mit völlig verschiedenen Tarifen“, bringt es Enrique García, Sprecher der OCU, auf den Punkt. Das ist kein Betriebsunfall, das ist Geschäftsmodell. Wer den Vertrag nicht regelmäßig hinterfragt, wird gnadenlos abkassiert.
450 Euro Unterschied – für dasselbe Produkt
Die Zahlen sind erschreckend deutlich: Zwischen der günstigsten und der teuersten Tarifvariante auf dem Markt klafft eine Lücke von satten 57 Prozent. Umgerechnet sind das bis zu 450 Euro pro Jahr bei identischem Verbrauch. Und das Schlimmste: Selbst innerhalb ein und desselben Anbieters können die Differenzen bis zu 400 Euro betragen. Wer als Neukunde mit einem Lockangebot ködert, bekommt Rabatte, die dem Altkunden verwehrt bleiben. Eine dreiste Praxis, die zeigt, wie sehr die Betreiber auf die Bequemlichkeit ihrer Kunden spekulieren.
Wie die OCU berichtet, ist der Zeitpunkt der Vertragsverlängerung der kritische Moment. Viele Verbraucher lassen die automatische Verlängerung einfach über sich ergehen – und zahlen dann plötzlich den teuersten Tarif, den die Gesellschaft im Programm hat. „Im freien Markt darf man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen“, warnt García. Eine einst günstige Tarif kann binnen eines Jahres zur teuren Falle werden.
Die unterschätzte Falle: Die Leistung
Doch nicht nur der Kilowattstundenpreis ist der Übeltäter. Die OCU hat einen zweiten, noch heimtückischeren Kostenfaktor identifiziert: die vertraglich vereinbarte Leistung (potencia contratada). Diese Position ist in den letzten Jahren von den Versorgern systematisch verteuert worden, um scheinbar günstige Arbeitspreise zu kompensieren. Die Rechnung: 34 Prozent aller Haushalte haben schlicht zu viel Leistung gebucht – im Schnitt 88 Euro verschenktes Geld pro Jahr, zehn Prozent der gesamten Stromrechnung.
Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten. Die Untersuchung zeigt, dass die durchschnittlich gebuchte Leistung bei 4,57 Kilowatt liegt, während ein erheblicher Teil der Haushalte problemlos mit drei bis vier Kilowatt auskommen könnte. Der Überschuss liegt oft zwischen einem und zwei Kilowatt – und wird munter mitbezahlt. „Allein auf den Strompreis zu schauen, reicht nicht“, mahnt García. Die Leistungskomponente ist inzwischen zu 82 Prozent an den staatlichen Gebühren und Netzentgelten beteiligt.
Was jetzt getan werden muss
Die OCU fordert daher eine radikale Transparenzoffensive. Bislang sind die Anbieter nicht verpflichtet, die tatsächlich angewendeten Tarife nach Vertragsverlängerung zu veröffentlichen. Das ist ein Unding. Weder der Vergleichsrechner der nationalen Wettbewerbsbehörde CNMC noch die eigenen Tools der Verbraucherorganisation können die tatsächlichen Konditionen abbilden, weil die Daten schlicht fehlen. „Die Norm schreibt vor, dass die Tarife bei Markteinführung gemeldet werden müssen – aber nicht, welche nach einem Jahr tatsächlich gelten“, kritisiert García.
Bis sich das ändert, bleibt den Verbrauchern nur eines: den Vertrag mindestens einmal im Jahr unter die Lupe nehmen. Wechseln, verhandeln, Leistung anpassen. Wer das nicht tut, wird von der Branche schlicht als Melkkuh der Nation betrachtet. Und das ist kein Versehen – das ist System.
Quelle: 20minutos.es