Ketamin – Die neue Gefahr aus dem OP

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Madrid

Ketamin – Die neue Gefahr aus dem OP

von Jonas Beck

Ein stiller Boom in der Partyszene

Die Europäische Drogenagentur (EUDA) hat in ihrem aktuellen Bericht Ketamin als „aufkommendes Problem“ eingestuft. Die Substanz, ein starkes Anästhetikum mit halluzinogenen und dissoziativen Wirkungen, verzeichnet nach Angaben der Behörde einen deutlichen Zulauf – insbesondere bei jungen Erwachsenen, die das Pulver in Clubs und auf Festivals konsumieren. Im Vergleich zu Kokain oder Amphetaminen ist der Konsum zwar noch gering, doch die Zahl der Behandlungen wegen ketaminbedingter Störungen hat sich innerhalb von fünf Jahren vervierfacht.

Von der Narkose zum Rauschmittel

Entwickelt wurde Ketamin in den 1960er Jahren in den USA. Erste Tests an Häftlingen in Michigan zeigten, dass hohe Dosen eine ausgeprägte dissoziative Wirkung hervorrufen – Betroffene berichten von außerkörperlichen Erfahrungen oder der Todesangst, sofort zu sterben. Seit den 1990er Jahren wird die Substanz auch in Spanien als illegale Partydroge genutzt, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Marta Echaves. Den eigentlichen Boom verortet sie jedoch in der Zeit nach der Corona-Pandemie. „Die Wahrnehmung ist, dass Ketamin heute in der Freizeitszene viel präsenter ist als noch vor einigen Jahren“, sagt Echaves, die ein Buch zur Geschichte der Substanz veröffentlicht hat. Allerdings bleibe das Niveau im Vergleich zu Kokain noch anekdotisch.

Abwasseranalyse belegt flächendeckende Präsenz

Das spanische Abwassermonitoring liefert harte Daten: In fast allen entnommenen Proben ließ sich Ketamin nachweisen. Der gemessene Wert liegt an Wochenenden bei 64 Milligramm pro Tag und 1.000 Einwohnern – eine ähnliche Größenordnung wie MDMA (Ecstasy). Kokain erreicht mit 2.466 Milligramm ein fast 40-mal höheres Level. Die Autoren des Berichts sehen darin einen Beleg für die „erhebliche Penetration des illegalen Ketaminmarktes in Spanien“. Offizielle Zahlen der EU zeigen zudem, dass die beschlagnahmten Mengen drastisch gestiegen sind: 2024 wurden innerhalb der Union 3,5 Tonnen sichergestellt – dreimal mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Kriminelle Netzwerke nutzen legale Lieferketten

Die EUDA weist auf erhebliche Wissenslücken hin: Wie genau kriminelle Organisationen in die legalen Fertigungs- und Vertriebswege eingedrungen sind, ist weitgehend unklar. Sicher ist, dass die Vorläuferchemikalien vor allem aus Indien und China stammen und in Europa zu Kristallen verarbeitet werden. Gleichzeitig nimmt die Verbreitung über verschlüsselte Kommunikationskanäle und Kryptowährungen zu. Die legale medizinische und tiermedizinische Verwendung als Narkotikum ist seit Jahren stabil – dennoch steigen die Importe für den Schwarzmarkt unaufhörlich.

Risiken zwischen Therapie und Tod

Bekannt wurde Ketamin zuletzt durch den Tod des Schauspielers Matthew Perry im Oktober 2023, der eine tödliche Überdosis in der Badewanne erlitt. Auf der anderen Seite steht der Einsatz als Antidepressivum: Unter dem Handelsnamen Spravato ist es in klinisch kontrollierter Form zur Behandlung schwerer Depressionen zugelassen. Unter anderem nutzt Tesla-Gründer Elon Musk die Substanz auf ärztliche Verschreibung. In Spanien laufen erste Versuche in Krankenhäusern. Die EUDA warnt jedoch davor, die Gefahren zu unterschätzen: Besonders die Kombination mit MDMA und Kokain, im Straßenjargon als „Tusi“ oder „rosa Kokain“ bekannt, nimmt zu. In Großbritannien registrieren Behörden bereits Konsumenten ab zwölf Jahren.


Quelle: 20minutos.es