
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Homars Adriano: Ein Spiegel für die Politik
Ein zeitgenössischer Kaiser im Oval Office
Die Bühnenfassung von Marguerite Yourcenars epochalem Roman "Memorias de Adriano" stellt den Protagonisten in ein modernes Setting. Wie Lluís Homar, der die Titelrolle des römischen Kaisers verkörpert, im Gespräch erläutert, beginnt die Inszenierung in einem ovalen Büro. Der "höchste Mandatar" bereitet dort seine Nachfolge vor – nicht per Brief, sondern mit einem für das Fernsehen bestimmten Übergaberede. Diese bewusste Aktualisierung, so Homar, solle die Brücke zum heutigen Publikum schlagen, während der Kern der Handlung erhalten bleibe: Ein sterbender Herrscher blickt auf sein Leben, seine politischen Triumphe und menschlichen Abgründe zurück.
Methodische Annäherung an einen Mythos
Die Übertragung des introspectiven Romans auf die Bühne war ein kollektiver Prozess. Wie Homar gegenüber Málaga Hoy darlegte, entwickelten er, Regisseurin Beatriz Jaén und Dramaturgin Brenda Escobedo in mehreren Arbeitssitzungen ab Anfang des vergangenen Jahres eine eigene Version. Das Ziel war laut Homar, trotz der notwendigen sprachlichen und medialen Anpassungen, der historischen Vorlage treu zu bleiben. "Wer den Roman gelesen hat, wird alles wiedererkennen", ist der Schauspieler überzeugt. Unterstützt wird Homar auf der Bühne von einem Ensemble aus fünf weiteren Darstellern.
Politische Botschaft mit aktuellem Bezug
Für Homar liegt die besondere Relevanz der Produktion in ihrer politischen Dimension. Der Kaiser Adriano erscheint ihm als Humanist, der für demokratische Werte, Gleichberechtigung, Kunstförderung und die Abschaffung der Folter eintrat. "Ich würde diese Vorstellung unheimlich gerne mit einem voll besetzten Parkett voller Politiker spielen", erklärt Homar pointiert. Es gehe um ein "Recycling" der Ideen, um zu sehen, "was wir in 20 Jahrhunderten verloren haben".
Er zieht einen direkten Vergleich zur Gegenwart: Während Adriano die Bibliotheken als "Sanatorien der Seele" bezeichnete und auf gewaltfreie Konfliktlösung setzte ("Ich habe den Frieden erzwungen und gesehen, wie der Puls der Erde wieder zu schlagen begann"), sei die heutige Politik oft nur darauf aus, "den Gegner zu zerstören". Die Inszenierung verstehe er daher als Spiegel, der zum Überdenken des politischen Diskurses anregen solle.
Aufführung in einem Referenzhaus
Die Produktion tourt derzeit durch Spanien und macht am 15. und 16. Mai im Teatro del Soho CaixaBank in Málaga Station. Homar bezeichnet das Theater, das von Privatinitiative getragen wird, als "Referenzhaus" für die Branche. Die Resonanz des Publikums auf die Mischung aus gedanklicher Tiefe und spektakulärer Umsetzung sei durchweg positiv.
Die Figur des Adriano durchlaufe einen Bogen "hin zur Weisheit", so Homars abschließende Analyse. Es sei die Weisheit der Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit – eine Erkenntnis, die jedem Menschen zugänglich, für Machthaber aber oft besonders schwer zu erlangen sei.