Leere Häuser, volle Sprechblasen

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Estepona

Leere Häuser, volle Sprechblasen

von Redaktion

Ein schwarzer Witz der Bürokratie

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Haus, zahlen es ab, stellen Ihre Möbel hinein – und können nicht einziehen. Der Grund? Es gibt keinen Strom. Was sich anhört wie ein absurder Albtraum, ist für 72 Familien im Zentrum von Estepona brutale Realität. Ihre Wohnungen in der Wohnanlage “Alma” stehen seit Monaten leer, weil die nötige elektrische Leistung fehlt. Ein Desaster, das keine Naturkatastrophe, sondern reines Verwaltungsversagen ist. Wie der Sprecher der betroffenen Eigentümervereinigung ADAVE, Paco López, gegenüber Medien berichtete, seien viele verzweifelt: Man habe Möbel gekauft oder die alte Wohnung verkauft, nur um jetzt vor einem nutzlosen Neubau zu stehen.

Die Wurzeln des Debakels reichen zurück bis ins Jahr 2021. Damals, so die Schilderung der Eigentümer, reichte die Stadtverwaltung bei Endesa einen Antrag für die Elektrifizierung des gesamten Bausektors ein. Doch hier beginnt das Pingpong der Verantwortungslosigkeit: Endesa behauptet, die Unterlagen seien unvollständig gewesen, der Antrag daher nie aktiviert worden. Das Stadtplanungsamt hingegen vergab munter die Baugenehmigung – und die Baufirma errichtete die Häuser. Man baute also auf Sand, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Die rote Linie der Energiekonzerne

Während die Bauherren Mauern hochzogen, zog der Energiekonzern eine andere Linie: eine rote. Im Sommer 2024, wie aus Endesa-Kreisen zu hören ist, verhängte das Unternehmen einen Stopp für alle neuen Leistungsanfragen über ein Megawatt. Die Begründung ist ebenso simpel wie erschreckend: Das Netz in der Provinz Malaga sei zu 100 Prozent ausgelastet. Hier offenbart sich das zweite, größere Drama im Hintergrund – das systematische Versagen der Infrastrukturplanung an der boomenden Costa del Sol.

Die chronische Überlastung wird durch ein jahrelanges Projekt-Desaster verschärft: Eine seit über fünf Jahren geplante Umspannstation in Benahavís liegt wegen Grundstücksstreitigkeiten brach. Die öffentliche Hand, in diesem Fall der Netzbetreiber Red Eléctrica, zeigt sich unfähig, diesen Engpass zu lösen. Die Folge ist ein De-facto-Baustopp für neue Wohnprojekte in der gesamten Region. Die Familien von “Alma” sind die ersten, die diesen Preis zahlen – sie sitzen zwischen den Fronten einer überforderten Kommune und eines sich abschottenden Monopolisten fest.

Die Politik schiebt den schwarzen Peter weiter

Wie reagiert die lokale Politik auf diesen Skandal? Mit Gesten und Briefen. Das Rathaus von Estepona, so sein aktuelles Kommuniqué, habe die zuständige Ministerin für Ökologischen Wandel, Sara Aagesen, angeschrieben und Maßnahmen des Zentralstaats gefordert. Ein klassisches Manöver: Die Verantwortung wird nach oben delegiert. Dass man selbst vor Jahren fehlerhaft plante und nun die Lizenz zur Erstbezugnahme verweigert – ein Dokument, das ohne Strom logischerweise nicht erteilt werden kann –, wird dabei geflissentlich übergangen.

Der eigentliche Skandal ist diese Kultur der Schuldzuweisung. Der Bauträger drängt die Käufer angeblich, auf ihr Eigentum zu verzichten oder es ohne Bezugserlaubnis zu übernehmen – eine unhaltbare Forderung. Endesa verweist auf formal unvollständige Anträge von 2021 und stellt die aktuelle, im Dezember 2025 eingereichte Neuanfrage hinten in die Warteschlange. Die Kommune schiebt den schwarzen Peter nach Madrid. Und in der Mitte: die Familien, die für ihren Traum vom Eigenheim bezahlen – und für das Versagen aller Beteiligten.

Ein System kollabiert

Der Fall “Alma” ist kein bedauerlicher Einzelfall. Er ist das symptomatische Frühwarnzeichen für einen Kollaps, der ganz Andalusien droht. Es ist der Offenbarungseid einer Wachstumspolitik, die auf maximale Bebauung setzt, ohne die grundlegendsten Lebensadern – Wasser, Strom, Verkehr – mitzudenken. Man hat die Küste zur Betondose gemacht und wundert sich nun, dass der Deckel nicht mehr draufgeht.

Die Lösung ist nicht, eine weitere Umspannstation zu fordern. Die Lösung beginnt damit, Verantwortung zu übernehmen. Endesa muss aus seiner bürokratischen Starre erwachen und eine Notlösung für die 72 Familien finden, die in einem fertigen Haus wohnen wollen, nicht in einem Aktenschrank. Das Rathaus von Estepona muss den Fehler von 2021 eingestehen und aktiv vermitteln, statt passiv Briefe zu schreiben. Und die Landes- wie Zentralregierung muss endlich begreifen, dass die Costa del Sol nicht unendlich belastbar ist. Sonst werden aus leeren Häusern bald leere Hotelburgen und verwaiste Apartmenttürme. Der Strom des Lebens ist ausgefallen. Wer schaltet ihn wieder an?

Quellen: Angaben der Eigentümervereinigung ADAVE und ihres Sprechers Paco López; Stellungnahmen des Rathauses Estepona; Kommunikation des Energieversorgers Endesa; Berichterstattung von Malagahoy.es.

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