Die Gänsehaut und der Groll

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Málaga

Die Gänsehaut und der Groll

von Sabine Keller

Gänsehaut in der Warteschlange

Die Schlange windet sich. Sie beginnt früh morgens, lange vor Öffnung der Kasse, und symbolisiert mehr als nur den Wunsch nach einem Stück Papier. Sie ist das sichtbare Zeichen einer leidenschaftlichen, einer fast besessenen Hoffnung. “Mir steht die Gänsehaut zu Berge, wenn ich sehe, wie die Leute sich für den Verein aufopfern”, zitiert Malagahoy.com einen Abonnenten namens Álvaro Teruel. Die Stadt atmet Málaga CF, ihr Herz schlägt im Stadion von Martiricos. In der kollektiven Anspannung vor dem entscheidenden Play-off-Finale zur Primera División verschmelzen individuelle Geschichten zu einem Chor der Euphorie. Doch dieser Chor hat einen bitteren Unterton.

Die Rechnung für die Treue

Denn die Hingabe der Fans wird in dieser entscheidenden Phase auch monetär abgerufen. Der Vorwurf, der durch die wartende Menge geistert, ist klar: Warum sind diese existenziellen Spiele nicht im Saisonabo enthalten? “Ich dachte, für uns, die wir lange dabei waren und in schlechten Zeiten ausgehalten haben, hätten sie es ins Abo aufnehmen sollen”, so Álvaro Teruel weiter. Eine andere Anhängerin, María del Carmen Ramos, bringt die ambivalente Loyalität auf den Punkt: Sie kauft trotzdem die Karten für die ganze Familie – “fast ein halbes Feld” –, obwohl sie den fehlenden “Geste” des Vereins bedauert.

Die Vereinsführung argumentiert vermutlich mit knappen Budgets. Ein Fan namens Juan verweist im Bericht auf den Vergleich mit einem Klub wie der UD Almería: “Unseres ist niedriger, also finde ich, dass es sich lohnt.” Hier offenbart sich die zynische Grundmelodie des modernen Fußballs: Die pure Existenz in einer höheren Liga rechtfertigt jede zusätzliche Belastung der Stammkundschaft. Die Treue wird zur handelbaren Ware. Der Vorwurf ist nicht, dass der Verein Einnahmen generiert, sondern wie und von wem. Die symbolische Geste, wie sie etwa der UD Las Palmas mit einem Ein-Euro-Aufschlag für Abonnenten zeigte, sucht man in Málaga vergebens. Stattdessen gibt es lange Schlangen und den Ruf nach mehr Wertschätzung.

Das Verbot der gemeinsamen Ekstase

Der zweite Stachel in diesem Moment der vermeintlichen Einigkeit kommt von außen: LaLiga hat, wie Malagahoy.com berichtet, die Übertragung der Spiele auf Großbildleinwände in der Stadt untersagt. Eine Praxis, die vor zwei Jahren noch im Auditorio Cortijo de Torres möglich war und die Gemeinschaft feierte, die nicht ins Stadion kommen konnte. “Der Fußball wird nach und nach kaputtgemacht, und Tebas ist der Hauptschuldige daran”, urteilt María del Carmen Ramos und spricht damit vielen aus der Seele.

Dieses Verbot ist mehr als nur eine lizenzrechtliche Pedanterie. Es ist ein Akt der Entmündigung. Es verwehrt der Stadt die Möglichkeit, ihr kollektives Nervenbündel zu sein, den öffentlichen Raum in einen emotionalen Resonanzkörper zu verwandeln. Es trennt diejenigen, die es sich leisten können oder die Zeit haben, von der breiteren Gemeinschaft. Es kommodifiziert die Emotion komplett: Nur gegen bare Münze im Stadion darf mitgefiebert werden. Der Präsident der Liga, Javier Tebas, wird hier zum Projektionsbild einer kalten, rein kommerziellen Logik.

Zwischen Himmel und Hölle

Málaga steht also an einem seltsamen Punkt. Die Euphorie ist real, greifbar in den langen Schlangen an den Kassen. Die Verbundenheit zwischen Stadt und Verein scheint ungebrochen. Doch diese Beziehung wird auf eine harte Probe gestellt. Sie wird ausgerechnet in der Stunde der größten Hoffnung durch Verein und Verband in Frage gestellt. Die Fans zahlen doppelt: finanziell für die Karte und emotional durch enttäuschte Erwartungen an Wertschätzung und Gemeinschaft.

Die wahre Finalprüfung findet nicht nur auf dem Rasen statt, sondern in der Art und Weise, wie der Fußball mit seiner Seele – den Fans – umgeht. In Málaga zeigt sich exemplarisch, dass der Weg in die erste Liga auch ein Weg in eine entfremdete, durchkommerzialisierte Sportrealität sein kann. Die Gänsehaut in der Schlange ist echt. Der Groll danach vielleicht auch.


Quelle: malagahoy.es

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