Die Frage an den Onkel: Muss ein Täter um Vergebung bitten?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

Die Frage an den Onkel: Muss ein Täter um Vergebung bitten?

von Redaktion

Eine schockierende Familienwahrheit

Ihre berufliche Laufbahn ist der Verfolgung schwerster Verbrechen gewidmet: Alexandra García Tabernero arbeitete für den Internationalen Strafgerichtshof und war am Verfahren gegen den Kriegsverbrecher Ratko Mladic beteiligt. Die Staatsanwältin und Dozentin aus Barcelona hatte stets angenommen, ihre Motivation sei reine Berufung – bis sie 2025 eine verstörende Wahrheit über ihre eigene Familie erfuhr.

Wie sie in einem Gespräch mit Europa Press schilderte, eröffnete ihr eine Tante, dass ihr Onkel Reinaldo Tabernero 1977, auf dem Höhepunkt der argentinischen Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla, Coronel und stellvertretender Polizeichef der Provinz Buenos Aires war. Der Mann starb in Untersuchungshaft, angeklagt genau für jene Verbrechen, die seine Nichte juristisch verfolgt.

"Die Frage, die ich ihm stellen würde, ist, ob er glaubt, dass er um Vergebung bitten muss", sagt García Tabernero. Diese Frage bleibt unbeantwortet, wurde aber zum Ausgangspunkt für ein sehr persönliches Projekt.

Vom Ferien- zum Forschungsreise

Der Hinweis auf den Onkel war ihr erstmals 2013 bei einer Familienfeier zugeflogen, doch erst zwölf Jahre später wurde er bestätigt. Aus einem geplanten Urlaub in Argentinien wurde eine Forschungsreise. Die Juristin durchforstete Archive und sprach mit Überlebenden der Diktatur. Diese Erfahrungen hat sie nun in dem Buch "Brief an den Coronel" verarbeitet, eine Art offener Brief an den verstorbenen Onkel.

"Es gab den zusätzlichen Umstand, dass ich mich genau der Verfolgung dieser Art von Verbrechen gewidmet hatte", reflektiert sie den doppelten Schock der Entdeckung. Ihr Buch sollte zunächst ein Essay über Gerechtigkeit und Erinnerung werden, entwickelte sich dann aber zu einer persönlichen Aufarbeitung, die bei vielen Lesern, wie sie sagt, eine "therapeutische, reparatorische Wirkung" entfaltet habe.

Zwei Länder, zwei Umgänge mit der Vergangenheit

Ihr Aufenthalt in Argentinien wurde für García Tabernero auch zu einer Lektion im Umgang mit historischem Unrecht. In Spanien, so ihre Analyse, herrsche oft die Vorstellung, dass das Aufarbeiten der Verbrechen des Franco-Regimes oder des Bürgerkriegs Wunden wieder aufreiße und die Demokratie gefährde. In Argentinien erlebte sie etwas anderes.

"Jedes einzelne Opfer, mit dem ich in Argentinien gesprochen habe, sagte mir, dass es ihnen Erleichterung gebracht habe, vor Gericht auszusagen, selbst Jahre nach der Tat", berichtet die Autorin. Die Menschen hätten ihr gegenüber ihre Anerkennung für die staatlichen Bemühungen um Aufklärung und Wiedergutmachung geäußert, die unter anderem zur Aufhebung der Schlussstrich- und Befehlsnotstandsgesetze führten.

Dieser Kontrast zeige, dass es "verschiedene Wege gibt, eine diktatorische Vergangenheit zu bewältigen". Für sie selbst war die Begegnung mit der argentinischen Erinnerungskultur prägend.

Die späte Gerechtigkeit

Auf die Frage, ob Verantwortliche aktueller Konflikte weltweit dereinst zur Rechenschaft gezogen werden könnten, antwortet die erfahrene Völkerstrafrechtlerin mit einem klaren Ja. "Die Gerechtigkeit kommt manchmal spät, aber sie kommt", so García Tabernero. Sie verweist auf die Nürnberger Prozesse als Grundstein, die bewiesen hätten, dass auch Soldaten moralische und rechtliche Grenzen beachten müssen.

Ihr Buch ist damit mehr als eine private Geschichte. Es ist ein Beitrag zu einer universellen Debatte über Schuld, Erinnerung und die hartnäckige Suche nach Gerechtigkeit – auch wenn sie Generationen überspringen muss.