Die eingesperrte Natur: Wenn Schutz zur Zerstörung wird

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

Die eingesperrte Natur: Wenn Schutz zur Zerstörung wird

von Sabine Keller

Ein Park im Koma: 83 Prozent Besucherverlust ist kein Erfolg, sondern ein Alarmzeichen

Man stelle sich vor, das Rezept gegen Kopfschmerzen bestünde darin, dem Patienten das Genick zu brechen. Absurd? Willkommen in der Realität der katalanischen Umwelt- und Agrarpolitik. Um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu verhindern, wurde der Naturpark Collserola, die grüne Lunge Barcelonas, praktisch abgeriegelt. Das Ergebnis, wie der Parkdirektor Raimon Roda gegenüber Europa Press darlegte, ist eine medizinisch verordnete Agonie: Ein Einbruch der Besucherzahlen um 83 Prozent. Aus 5,2 Millionen Besuchern wurden leere Wege. Diese Zahl ist keine Statistik, sie ist ein Zeugnis politischen Versagens. Was als Schutzmaßnahme verkauft wird, ist in Wahrheit die systematische Aussetzung eines einmaligen Natur- und Erholungsraums.

Die Kollateralschäden: Von der Wirtschaft bis zur Wissenschaft

Die Folgen dieser radikalen Ruhe sind alles andere als still. Sie sind laut, sie sind konkret, und sie sind zerstörerisch. Erstens die ökonomische Verwüstung: Die Einnahmen des Parks sind laut Roda um rund 100.000 Euro eingebrochen. Die öffentlich konzessionierten Gastronomiebetriebe im Park kämpfen ums Überleben. Zweitens der wissenschaftliche Stillstand: Etwa zwanzig Forschungsprojekte – von Langzeitstudien zu Fledermäusen über Amphibien bis hin zur Klimafolgenforschung – mussten gestoppt werden. Dabei werden in einigen Fällen Datenreihen von 30 Jahren unterbrochen. Eine wissenschaftliche Katastrophe, deren volle Tragweite niemand beziffern kann. Drittens der soziale Schaden: Über 5.000 Unterschriften sammelten Anwohner auf Change.org, die die Wiedereröffnung des Parks für ihre “physische und mentale Gesundheit” fordern. Die Politik reagiert darauf mit einem “verstärkten” Beschwerdekanal – ein bürokratisches Pflaster auf einer klaffenden Wunde.

Die Logik der Absperrung: Angst als oberstes Prinzip

Die Verteidiger dieser Politik argumentieren mit der notwendigen Härte im Kampf gegen die Tierseuche. Zugangsbeschränkungen und die Reduzierung der Wildschweinpopulation seien unerlässlich. Doch hier muss die Frage erlaubt sein: Wann kippt ein verhältnismäßiges Mittel in eine kontraproduktive Hysterie? Der Park ist kein Schweinemastbetrieb. Die primäre Übertragungsgefahr geht von menschlichem Verhalten aus, nicht von Spaziergängern auf den Wegen. Die fast vollständige Schließung entbehrt jeder epidemiologischen Grundlage und gleicht der kollektiven Bestrafung einer ganzen Region. Albert Batlle, Barcelonas Vizebürgermeister für Sicherheit, gab bereits das erwartete Mantra aus: Die Restriktionen würden “wahrscheinlich bis nach dem Sommer” andauern. Eine bequeme Prognose für die Ferienzeit, die jede Debatte im Keim erstickt.

Fazit: Der Weg zurück führt über mutiges Umdenken

Die Situation im Collserola-Park ist ein Lehrstück dafür, wie kurzsichtiges Krisenmanagement langfristige Schäden anrichtet. Man schützt nicht die Natur, indem man die Menschen von ihr aussperrt und ihre Erforschung verunmöglicht. Man schützt eine Volkswirtschaft nicht, indem man kleine Betriebe in den Ruin treibt. Und man schützt die öffentliche Gesundheit nicht, indem man der Bevölkerung den wichtigsten Ort für psychischen und physischen Ausgleich nimmt. Die angekündigte Überprüfung der Pachtkänone für Gastronomen am Jahresende ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Was jetzt nötig ist, ist eine sofortige, evidenzbasierte Neubewertung der Restriktionen. Alles andere ist nicht Vorsicht, sondern politische Feigheit. Die Natur parkt man nicht ein. Man bewahrt sie, indem man sie – mit Verstand – zugänglich und lebendig hält.

Quellen: Angaben des Parkdirektors Raimon Roda (Consorci del Parc Natural de Collserola) gegenüber Europa Press; Petition auf Change.org.


Quelle: europapress.es

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