Die digitale Leine – Sicherheit um jeden Preis?

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Marbella

Die digitale Leine – Sicherheit um jeden Preis?

von Redaktion

Kontrolle statt Selbstbestimmung – Ein gefährlicher Trend

Auf den ersten Blick klingt es nach Fürsorge, nach praktischem Pragmatismus: Wer seinen Schutzbefohlenen am überfüllten Strand ein wasserfestes, neonfarbenes Armband umschnallt, hat im Fall der Fälle einen direkten Draht zur Rettungsleitstelle. Die Stadt Marbella an der Costa del Sol hat dieses System wieder aufgelegt – für Kinder und „vulnerable Personen“. Vier Verirrte wurden in der Osterwoche dank der Nummerncodes bereits gefunden, wie das Rathaus mitteilte. Ein Erfolg also. Oder?

Hier wird unter dem Deckmantel der Sicherheit ein unheimliches Normalisierungsdiktat durchgesetzt. Die Botschaft ist klar: Die öffentliche Sphäre, der Strand als Ort der Unbeschwertheit, ist per se ein gefährlicher Ort, den man nur mit staatlich sanktionierter Markierung betreten sollte. Der individuelle, unmarkierte Körper wird zum Risiko erklärt. Das ist die Logik der Überwachung, nur verpackt in buntes Silikon.

Der gläserne Mensch am sonnigen Strand

Die Behörden betonen den Datenschutz. Die persönlichen Kontaktdaten lägen nur bei den Rettungsschwimmern und der Koordinierungsstelle, nicht sichtbar auf dem Band. Eine beruhigende Fassade. Denn die wahre Datenbank ist hier das soziale Gefüge selbst. Jeder Strandbesucher wird zum potenziellen Helfer – oder Kontrolleur – der staatlichen Lokalisierungsmaschinerie. Der Code auf dem Armband verwandelt die Person in einen zuordenbaren Datensatz, den jedes Mitglied der „Community“ ablesen und melden kann. Das ist Crowdsourcing der Überwachung, soft und sozial akzeptiert. Wo bleibt das Recht, einfach mal unauffindbar zu sein? Das Recht auf situative Anonymität, das zum Wesen eines freien Strandbesuchs gehört?

Wir schaffen eine Welt, in der Prävention jede Form von Spontaneität und kleinem Abenteuer auslöscht. Die Angst vor dem „Verlorengehen“ – ein natürlicher, oft lehrreicher Moment im Heranwachsen – wird zum administrativ zu verwaltenden Notfall hochstilisiert. Statt Kindern beizubringen, sich an markanten Punkten zu orientieren oder einen Rettungsschwimmer zu erkennen, binden wir ihnen eine digitale Leine um. Das ist Bequemlichkeitserziehung auf Kosten der Resilienz.

Wo ziehen wir die Linie?

Die entscheidende Frage, die in Marbella und überall, wo solche Systeme Schule machen könnten, nicht gestellt wird, lautet: Wer definiert „verwundbar“? Der Originaltext spricht von „personas … vulnerables“. Ein schwammiger, gefährlicher Begriff. Gilt das für Menschen mit Demenz? Für verwirrte Touristen? Oder auch für Teenager, die ihren Eltern entlaufen wollen? Die willkürliche Kategorisierung öffnet Tür und Tor für eine Ausweitung des Systems. Heute das Kind, morgen der vergessliche Senior, übermorgen jeder, der „auffällig“ wirkt.

Die Maßnahme, wie sie das Diario Sur beschreibt, mag in Einzelfällen hilfreich sein. Doch sie etabliert ein Prinzip, das uns alle angeht: die freiwillige Aufgabe von Autonomie im Tausch gegen ein Versprechen von absoluter Sicherheit. Absolute Sicherheit aber ist eine Illusion. Der Preis für ihre Jagd ist immer ein Stück Freiheit. Marbella’s bunte Bändchen sind nur der Anfang. Wir müssen aufwachen und uns fragen: Wie viel Überwachung wollen wir am Ende ertragen – selbst an den schönsten Stränden dieser Welt?

Quelle: Diario Sur (Originalmeldung: „Marbella mejora la seguridad en las playas con un sistema de pulseras identificativas“)