Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der Ein-Euro-Vertrag: Ein Medium als Manövriermasse
Operation „Crónica Libre“: Ein Vorhaben zum symbolischen Preis
Ein internes Dokument der Guardia Civil, der Bericht 89/2026 der Unidad Central Operativa (UCO), beschreibt ein bemerkenswertes Vorhaben im Umfeld der sogenannten cloacas-Affäre. Demnach sollte das digitale Medium „Crónica Libre“ für den Preis von einem Euro auf eine Gesellschaft der Sozialistin Leire Díez übertragen werden. Die Absicht war laut Ermittlern nicht die Übernahme des rechtlichen Trägers, der Grupo Crónica Libre SL, sondern die Sicherung der operativen Assets: Domain, intellektuelles Eigentum und die technische Infrastruktur für den Betrieb.
Die zentrale Gesellschaft in diesem Plan war Andalukadi, S.L., eine zu 100 Prozent von Leire Díez kontrollierte Firma mit Sitz in Marbella. Bereits in früheren, von der UCO ausgewerteten Gesprächen zwischen Díez und dem ehemaligen SEPI-Präsidenten Vicente Fernández war diese Gesellschaft als möglicher Kanal für Zahlungen ins Gespräch gebracht worden.
Chronologie eines Vorhabens
Die Spur führt zurück zum Ursprung des Mediums. „Crónica Libre“ wurde im April 2022 von der Journalistin Patricia López als Gesellschaft gegründet. Laut UCO-Bericht trat Leire Díez jedoch über einen privaten Vertrag 5 Prozent ihrer Unternehmensanteile an López ab. Notizen in einer Agenda der Sozialistin verwiesen zudem auf die „Gründung einer Zeitung“.
Die Plattform entwickelte sich zu einem Sprachrohr für Audios und Dokumente aus dem Umfeld des Ex-Kommissars José Manuel Villarejo und diente der Verbreitung von Material, das der Strategie von Leire Díez und dem mitangeklagten Unternehmer Javier Pérez Dolset zuträglich war. Wie die UCO feststellt, wurde die Webseite genutzt, um „Materialien und Erzählungen zu verbreiten, die den Manövern von Leire und Javier Pérez Dolset günstig waren“.
Der wirtschaftliche Niedergang der Gesellschaft begann jedoch früh. Bereits im Januar 2025, so die Ermittler, beschlossen López und Díez, die Gesellschaft „Crónica Libre“ zu liquidieren. In einer Chatnachricht, die die UCO dokumentiert, brachte Patricia López die Motivation auf den Punkt: „Wir müssen Crónica Libre liquidieren, also muss die Kuh ausgequetscht werden, um zu liquidieren.“ In demselben Gespräch forderte sie auf, Geld „von wem auch immer, von den Katalanen, der PSOE oder dem sursum corda“ zu beschaffen.
Die Manöver: Trennung von Schulden und Nutzen
Der im Dezember 2025 bei einer Durchsuchung sichergestellte WhatsApp-Chat zwischen Pérez Dolset und Leire Díez enthält das entscheidende Dokument: einen Entwurf eines Kaufvertrags mit dem Titel „Contrato Compraventa CRONICA LIBRE.docx“. Der Plan sah vor, dass Andalukadi, S.L. nicht die verschuldete Gesellschaft übernimmt, sondern ausschließlich deren digitale Werte für einen Euro erwirbt. Die UCO fasst zusammen: „Es handelte sich daher nicht um den Erwerb der juristischen Person, sondern der Zeitung.“ Die Altgesellschaft wäre mit ihren Verbindlichkeiten zurückgeblieben, während der nutzbare Kern – die Domain mit ihrer Suchmaschinen-Autorität, die Marke und die Technik – auf die marbellische Gesellschaft übertragen worden wäre.
Die Ermittler sehen darin eine Strategie, das digitale Instrument, das der Taktik der Verdächtigen gedient hatte, auch nach der Liquidation der ursprünglichen Firma weiter nutzbar zu halten. Mit dem Tod von Patricia López am 21. Dezember 2025 – elf Tage nach der Festnahme von Díez und Fernández – erlosch die Aktivität auf der Seite praktisch.
Finanzielle Verbindungen und ein größeres Muster
Die Untersuchung zeigt zudem finanzielle Verbindungen zwischen der PSOE und „Crónica Libre“ auf. Die UCO führt an, dass der damalige Organisationssekretär der Sozialisten, Santos Cerdán, die Zahlung von fast 20.000 Euro an das Medium für eine Werbekampagne im Rahmen der katalanischen Wahlen angeordnet habe. Parallel identifizierten die Ermittler eine Rechnung über 18.125,80 Euro zwischen der Grupo Crónica Libre und der Agentur IKI Group Communications, die ihrerseits wegen ihrer Geschäfte mit der PSOE und besagtem Medium unter gerichtlicher Beobachtung steht.
Der nicht vollzogene Ein-Euro-Vertrag fügt sich, so die Schlussfolgerung der Ermittler, nahtlos in ein bereits erkennbares Muster ein: die strategische Trennung von formaler Erscheinung und tatsächlicher Kontrolle über Mittel und Kanäle. Er stellt ein weiteres Puzzleteil in einem Komplex dar, der sich laut UCO aus verdächtigen Rechnungen, vorgeschobenen Gesellschaften und unter fragwürdigen Umständen platzierten Werbekampannen zusammensetzt.
Quelle: diariosur.es