
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Die ANC wählt sich auf die neue Mehrheit ein
Ein Pädagoge übernimmt das Zepter
Die größte zivilgesellschaftliche Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens, die Assemblea Nacional Catalana (ANC), hat einen neuen Anführer. In einer Sitzung des Nationalsekretariats in Igualada wurde Josep Vila mit 39 von 58 Stimmen zum Präsidenten für die Amtszeit 2026-2028 gewählt, wie die Organisation mitteilte. Er löst den Musiker Lluís Llach ab, der nicht mehr für eine Wiederwahl kandidiert hatte. Vila, ein 65-jähriger Pädagoge und ehemaliger Personalmanager der Universität Girona, tritt damit an die Spitze einer Bewegung, die nach den politischen Rückschlägen der letzten Jahre nach einer neuen Strategie sucht.
Die Losung: Eine "neue soziale Mehrheit"
Vila definiert sein Hauptziel unmissverständlich. Es gehe darum, eine "neue soziale Mehrheit" für die Unabhängigkeit zu konstruieren. "Es ist das, was uns als zivile Front zu tun obliegt", erklärte er in seinen ersten Aussagen als Gewählter. Die Unabhängigkeit müsse wieder in die Mitte der gesellschaftlichen Debatte gerückt werden. Diese Ausrichtung impliziert laut ANC eine "tiefgreifende Erneuerung" der Strukturen, um sie agiler und an den veränderten politischen Kontext angepasst zu machen. Kritiker mögen hier ein Lippenbekenntnis vermuten – doch Vilas Biografie als Aktivist und Verwaltungsexperte spricht für einen strategischen Ansatz jenseits bloßer Symbolpolitik.
Die interne Geschlossenheit betonte der neue Präsident: Der Start erfolge mit "viel innerem Zusammenhalt". Gleichzeitig rief er alle gesellschaftlichen Kräfte auf, sich der Bewegung anzuschließen, in einem Moment, in dem "das Land sich auflöst" – eine dramatische Formulierung, die den Nerv der Unabhängigkeitsanhänger treffen soll. Sein Vorgänger Lluís Llach, der nun zum Vizepräsidenten gewählt wurde, lobte Vila gar als "Präsidenten der Einheit" und versprach, ihm zu dienen, um der ANC die nötige Kraft für den "endgültigen" Kampf zu verleihen.
Die Strategie: Druck von der Basis
Wie soll diese neue Mehrheit entstehen? Vilas Rezept setzt auf die Basis. Er pocht auf die Bedeutung "lebendiger und gut verteilter" lokaler Versammlungen, die Menschen mobilisieren und Einfluss nehmen können. Nur mit einer breiten, engagierten Bürgermehrheit, so seine Analyse, habe man genug Druckmittel gegenüber den politischen Parteien. Diese Fokussierung auf die Graswurzelarbeit deutet auf eine Rückbesinnung nach den Jahren hin, in denen die ANC vor allem als Organisatorin massiver Straßendemonstrationen in Erscheinung trat.
Die inhaltlichen Eckpfeiler bleiben indes gleich: Die Verteidigung der katalanischen Sprache und die Anprangerung des "fiskalischen, kulturellen, sozialen und nationalen Ausverkaufs", dem Katalonien ausgesetzt sei, werden laut Mitteilung der ANC weiter zentrale Aktionsachsen sein. Es ist die klassische Rhetorik des Konflikts mit Madrid, nun neu aufgelegt unter der Führung eines Mannes, der weniger Künstler als vielmehr ein politischer Taktiker zu sein scheint.
Quellen: Mitteilung der Assemblea Nacional Catalana (ANC) zur Wahl des neuen Präsidiums; Erste Erklärungen von Josep Vila und Lluís Llach.