
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der steinerne Zeuge von Palma
Ein doppelter Beschluss, zwei Sprachen der Macht
An einem Tag zeigt sich die gespaltene Seele Spaniens im Umgang mit seiner düstersten Epoche. Während die Madrider Zentralregierung per Dekret die Beseitigung des Monuments Sa Feixina in Palma de Mallorca anordnet, prescht die lokale Rathausmehrheit vor und stellt denselben Steinblock unter Schutz. Was wie ein bürokratischer Zufall wirkt, ist in Wahrheit ein hochsymbolischer Machtkampf. Hier prallen nicht nur juristische Interpretationen aufeinander, hier kollidieren fundamentale Geschichtsbilder.
Das zuständige Ministerium für Demokratische Erinnerung argumentiert mit historischer Deutungshoheit. In seiner Begründung, die dieser Redaktion vorliegt, heißt es, der Monolith sei ein "Beispiel des Kultes um die Gefallenen, entwickelt vom Franco-Regime". Dieser Kult sei eine der "wichtigsten und hartnäckigsten symbolischen Politiken der Diktatur" gewesen, die ausschließlich der Erinnerung an die franquistischen Toten diente – ohne jegliche Versöhnungsabsicht oder Erwähnung der republikanischen Opfer. Für die Regierung in Madrid ist die Sache damit klar: Der Stein muss weg.
Die Verteidigung des Steins: Jurisprudenz gegen Politik
Doch in den Rathaussälen von Palma tönt ein anderer Refrain. Der für Stadtplanung zuständige Stadtrat, Óscar Fidalgo, verweist nicht auf Emotionen, sondern auf Urteile. Er beruft sich auf den Balearischen Obersten Gerichtshof (TSJIB), der bereits zugunsten des Erhalts entschieden habe, da eine aktive Verherrlichung der Diktatur heute nicht mehr feststellbar sei. "Die Gerichte haben gesprochen", so sein Fazit, "und wenn die Gerichte sprechen, hört verantwortungsvolle und seriöse Politik zu und handelt danach." Dieser Standpunkt wird von der rechten Opposition unterstützt; der Vox-Sprecher Fulgencio Coll dankte gar der Bürgerbewegung, die sich gegen eine Entfernung wehrt, und warf der Linken "talibanhaften Sektierertum" vor.
Die Linke hingegen sieht in der juristischen Argumentation eine Feigheit vor der historischen Wahrheit. Lucía Muñoz von Unidas Podemos bringt es auf den Punkt: Das Monument wurde errichtet, um "jene zu erhöhen, die unschuldige Menschen angriffen, verfolgten und töteten". Für sie spricht jeder Stein von einer "Diktatur, die Terror säte". Ihre Prognose ist unmissverständlich: "Sa Feixina wird fallen." Auch die Memòria de Mallorca, eine Bürgervereinigung, die seit Jahren für die Demontage kämpft, wertet den ministeriellen Beschluss als "sehr wichtigen Schritt vorwärts" und kündigte bereits neue juristische Schritte für eine endgültige Abrissgenehmigung an.
Resignifikation versus radikaler Schnitt
Im Kern dreht sich der Streit um eine Frage: Kann man einen aus einem Unrechtskontext geborenen Stein entgiften, oder ist seine bloße physische Präsenz bereits eine fortwährende Beleidigung? Die Befürworter des Erhalts verweisen auf die bereits 2010 unter der sozialistischen Bürgermeisterin Aina Calvo vorangetriebene "Resignifikation". Die ursprüngliche franquistische Symbolik wurde entfernt, der Ort sollte umgedeutet werden. Die Gegner halten dagegen: Die Grundsubstanz bleibe unverändert. Erbaut 1948, gedenkt der Monolith der fast 800 Aufständischen, die beim Untergang des Kreuzers "Baleares" 1938 starben – ein Schiff der putschenden Nationalen, versenkt von der republikanischen Flotte. Seine Errichtung war, wie ein Ministeriumskommunikat analysiert, Teil einer gezielten Strategie, den Krieg als "Kreuzzug" und die Gewalt als notwendig zu mythologisieren.
Die Schutzbeflissenen des Monuments betonen das Architektonische und das vermeintlich Überpolitische. Der sozialistische Oppositionssprecher Xisco Dalmau kontert scharf: Es gebe "weder künstlerische noch architektonische Gründe", die einen Erhalt rechtfertigten. Für Kika Coll von MÉS per Palma ist die ganze Debatte eingebettet in einen "Kreuzzug gegen die Erinnerung" und zeigt "Risse" im demokratischen Geist der Regierung.
Fazit: Ein Fels des Anstoßes
Sa Feixina ist mehr als ein alter Stein. Er ist ein Brennglas für den unvollendeten spanischen Transitionsprozess. Auf der einen Seite steht der imperativische Gestus der Zentralmacht, die mit dem Gesetz zur Demokratischen Erinnerung reinigen will. Auf der anderen die pragmatische, oft als verharmlosend kritisierte Haltung der Lokalpolitik, die sich auf bestehende Urteile beruft. Beide Seiten beanspruchen für sich, im Namen der Demokratie zu handeln. Während die einen die physische Löschung eines Symbols der Unterdrückung fordern, fürchten die anderen eine selektive Tilgung der Geschichte, die am Ende mehr verbirgt als erklärt.
Die juristischen Schlachten werden weitergehen, angeheizt vom ministeriellen Beschluss. Doch unabhängig vom Ausgang bleibt die Erkenntnis: Solange ein Steinblock auf einer mallorquinischen Promenade die Gemüter so erhitzt, ist die Vergangenheit Spaniens noch lange nicht vergangen. Sie ist gegenwärtig, sie ist streitbar, und sie ist steinhart.
Quellen: Begründung des spanischen Ministeriums für Demokratische Erinnerung zur Einstufung als "Element gegen die Demokratische Erinnerung"; Stellungnahmen und Debattenbeiträge aus der Plenarsitzung des Stadtrats von Palma de Mallorca vom 26. März 2025; Kommuniqué der Vereinigung Memòria de Mallorca; historische Einordnung des Monuments Sa Feixina.