
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Der offene Bauch der Republik: Ein Fall von Palma
Es ist der Abend des 8. Mai, kurz nach halb sieben, auf Mallorca. Ein Mann rast mit seinem Auto auf ein stoßendes Fahrzeug auf, flieht, rammt eine Bordsteinkante, reißt ein Verkehrsschild aus und versucht, sich zu Fuß davonzumachen. Was wie die Tat eines schwer alkoholisierten Rowdys klingt – und das ist es auch –, enthüllt erst bei der Festnahme sein wahres, hässliches Gesicht. Vor Zeugen und Polizeibeamten, wie die Zeitung Diario de Mallorca berichtet, zieht der 46-Jährige sein Hemd hoch und präsentiert stolz das Tattoo auf seinem Bauch: eine Esvaswastikaz tica. Dazu folgen homof e und rassistische Beschimpfungen. Dies ist kein bedauernswerter Einzelfall. Dies ist die logische Konsequenz eines Justiz- und Gesellschaftssystems, das rechtsextreme Gewaltbereitschaft zu oft bagatellisiert und Täter wie diesen jahrelang gewähren lässt.
Ein Täterprofil, das keines sein dürfte
Die Fakten, die die Polizei von Palma zusammentrug, lesen sich wie das Musterbeispiel einer gescheiterten Prävention. Der Mann hatte nie eine reguläre Fahrerlaubnis der Klasse B. Seine Kleinkraftrad-Lizenz wurde ihm bereits 2014 – vor zwölf Jahren! – wegen Punktemaximus entzogen. Den verpflichtenden Nachschulungskurs, um sie zurückzuerhalten, hat er nie absolviert. Trotzdem saß er am 8. Mai wieder betrunken am Steuer, mit einem Atemalkoholwert von 0,55 mg/l, der die zulässige Grenze mehr als verdoppelt. Hier stellt sich nicht die Frage nach der individuellen Schuld, die ist erdrückend. Hier stellt sich die Frage nach dem staatlichen Versagen: Wie kann es sein, dass ein Mensch, dem schon vor über einem Jahrzehnt die Fahrtauglichkeit aberkannt wurde, unbehelligt weiter Autos führen und damit zur tödlichen Gefahr werden kann? Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: Weil die Kontrollmechanismen löchrig sind und die Konsequenzen für solches Verhalten offenbar nicht abschreckend wirken.
Das Hakenkreuz ist kein privates Accessoire
An dieser Stelle werden liberal gesinnte Schönredner einwenden: Ein Tattoo sei Privatsache. Dieses Argument ist nicht nur feige, es ist brandgefährlich. Die zur Schau gestellte Esvaswastikaz tica ist keine folkloristische Verzierung, sondern das offene Bekenntnis zu einer Ideologie, die für Völkermord, Terror und die Abschaffung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Sie ist das sichtbare Symbol für einen inneren Zustand, der Homosexuelle hasst, Menschen aufgrund ihrer Herkunft verachtet und die Würde des Einzelnen mit Füßen tritt – genau so, wie es der Täter in seinen verbalen Ausfällen gegenüber Zeugen und Polizisten demonstrierte. Wer dieses Zeichen trägt und es im Kontext einer Straftat exhibitionistisch zur Schau stellt, der erklärt der Gesellschaft den Krieg. Ihn lediglich als betrunkenen Verkehrssünder zu behandeln, heißt, die existenzielle Bedrohung, die von ihm ausgeht, bewusst zu ignorieren.
Der lange Vorlauf zur Eskalation
Der Vorfall in Palma ist kein Blitz aus heiterem Himmel. Er ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Karriere der Rechtsverachtung. Der Entzug der Fahrerlaubnis 2014 war ein Warnsignal. Dass er keine Nachschulung machte, ein weiteres. Jedes Mal, wenn er in den folgenden Jahren unkontrolliert ein Fahrzeug besteigen konnte, wurde die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe größer. Unser Rechtsstaat operiert hier zu oft nach dem Prinzip der Reparaturwerkstatt: Er reagiert erst, wenn der Schaden bereits eingetreten ist. Eine präventive, konsequente Überwachung und Einwirkung auf bekannte Gefährder – und dazu zählen Menschen mit derartigen ideologischen und verkehrsrechtlichen Vorbelastungen zweifellos – findet nicht statt. Wir diskutieren über Fahrverbote für Klimakleber, während ein notorischer, rechtsextremer Straftäter jahrelang unter dem Radar hindurchschlüpfen kann.
Es reicht nicht aus, diesen Mann nun wegen Trunkenheit am Steuer, Fahrerlaubnismissbrauchs und Beleidigung anzuklagen. Die Justiz muss die gezeigte Hakenkreuz-Propaganda als das behandeln, was sie ist: ein öffentliches Bekenntnis zu verfassungsfeindlichen Zielen. Und wir als Gesellschaft müssen uns die unbequeme Frage gefallen lassen, warum wir solche Täter erst dann ernst nehmen, wenn sie mit ihrem Auto in eine Menschenmenge rasen – oder, wie in Palma glücklicherweise noch verhindert, in ein stehendes Auto. Der offene Bauch mit dem Hakenkreuz ist nur das Symptom. Die Krankheit ist unsere teilweise Gleichgültigkeit gegenüber dem, was in unserer Mitte gedeiht, lange bevor es zuschlägt.
Quellen: Polizeiangaben, wie sie vom Diario de Mallorca am 14. Mai 2026 berichtet wurden.