Der Lehrermangel ist politisches Kalkül

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

Der Lehrermangel ist politisches Kalkül

von Redaktion

Die Revolte beginnt im Klassenzimmer

Es ist kein Zufall, dass die erste Streikwelle der katalanischen Lehrkräfte in diesem Jahr mit einer Massendemonstration in Barcelona begann. Tausende, wie die Guàrdia Urbana und die streikenden Verbände berichten, füllten die Plaça Urquinaona. Die Zahlen sprechen Bände: 26.000 laut Ordnungsamt, 80.000 laut den Initiatoren USTEC, Professors de Secundària, CGT und Intersindical. Diese Diskrepanz ist bereits die erste Lektion in Politik: Wer die Deutungshoheit über die Masse hat, gewinnt Macht. Die Lehrer haben sie sich genommen.

Die vordergründigen Forderungen sind klar: Eine Gehaltserhöhung von mindestens 400 Euro, weit über dem bereits mit großen Gewerkschaften vereinbarten Rahmen, und eine drastische Senkung der Schülerzahl pro Klasse. Doch wer hier nur über Geld und Personaldebatten spricht, verkennt die explosive Grundlage dieses Arbeitskampfs. Es handelt sich um einen fundamentalen Vertrauensbruch.

Eine 15-jährige Demütigung

"Das hat keinen Halter mehr", sagt Xavier Saladrigues, Lehrer am Institut Leonardo in Sant Cugat, in der Lokalpresse. Dieser Satz ist die Kernanalyse. Es geht nicht um eine einmalige Gehaltskorrektur. Saladrigues stellt richtig: "Es handelt sich nicht nur darum, das Gehalt zu erhöhen, die Last der Verantwortung bleibt gleich. Mit 400 Euro lösen wir nur einen Teil des Problems." Die eigentliche Klage ist eine 15-jährige, systematische Demütigung. Die Kaufkraft der Lehrer sei seit 15 Jahren eingefroren, so der Protestierende. Das ist kein Versehen, das ist Kalkül.

Die Politik hat Bildung zur Stellschraube der Haushaltsdisziplin gemacht. Lehrer wie Andrea Ballesta vom gleichen Institut bringen es auf den existenziellen Punkt: "Wir können mit dem Gehalt, das wir haben, nicht leben." Martina Solivelles ergänzt die moralische Dimension: "Oft gehst du mit dem Gefühl von der Arbeit, dass du die Kinder nicht richtig betreuen konnte, und das erzeugt Angst. Es mangelt uns nicht an Motivation, es mangelt uns an Ressourcen."

Hier liegt der Hund begraben: Der Staat – in diesem Fall die Generalitat de Catalunya – produziert durch Unterfinanzierung und Personalknappheit täglich das Gefühl des professionellen Versagens bei seinen Lehrkräften. Das ist eine Form struktureller Gewalt.

Der Streik als sozialer Imperativ

Gegen die naheliegende Kritik, dass Streiks im Mai und Juni die Familienlogistik destabilisieren, haben die Lehrer eine klare Antwort. Sie haben, wie Saladrigues erklärt, "viel pädagogische Arbeit gemacht". Die Familien (AFES) unterstützen sie oft, weil sie wissen: "Am Ende ist es ein Vorteil für ihre Kinder." Solivelles fasst die Notwendigkeit zusammen: "Wir streiken nicht mit Freude, es zehrt uns aus, aber wir müssen gehört werden. Wir schleppen diese Bedingungen schon viele Jahre mit uns und jetzt ist es genug."

Dieser Streik ist damit nicht nur ein Arbeitskampf, sondern ein sozialer Imperativ. Die wiederbelebten Lehrer-Assemblees in den Schulen werden, wie ein Aktivist sagt, als "absolute Revolution" beschrieben. Es ist die Rückeroberung der kollektiven Handlungsfähigkeit gegen eine Politik, die zu lange nur auf Zeit gespielt hat.

Die angebotene Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Regierung an diesem Donnerstag wird, wie die Berichte zeigen, die Protestierenden nicht beschwichtigen. Sie wissen: Ohne die grundlegende Anerkennung der Ressourcenkrise – mehr Berater, mehr Aufsichtspersonal, mehr Zeit – ist jede Gehaltsdiskussion nur ein Ablenkungsmanöver.

Die Lehrer von Sant Cugat und ganz Katalonien haben eine simple Gleichung aufgestellt: Wenn der Staat seine Bildungsverantwortung systematisch vernachlässigt, wird der Unterrichtsraum zum Ort des Widerstands. Das Klassenzimmer ist ihr Streikgrund, die Straße ihre Tribüne. Die Politik sollte die Hausaufgabe machen: Diese Gleichung lösen, bevor das System kollabiert.

Quellen: Lokalberichte aus Sant Cugat mit Statements der Lehrer Xavier Saladrigues, Andrea Ballesta und Martina Solivelles vom Institut Leonardo; Angaben der streikenden Gewerkschaften USTEC, Professors de Secundària, CGT und Intersindical; Zahlen der Guàrdia Urbana und der Gewerkschaften zur Demonstrationsstärke.