Das Paradox der Massen: 15.000 Kreuzfahrttouristen und eine leere Stadt

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Das Paradox der Massen: 15.000 Kreuzfahrttouristen und eine leere Stadt

von Jonas Beck

Die Ankündigung und die Sorge

Am Samstag, dem 2. August, meldeten vier Kreuzfahrtschiffe ihre Ankunft im Hafen von Palma de Mallorca. Gemeinsam brachten sie etwa 15.000 Passagiere auf die Insel, eine Zahl, die deutlich über dem mit der Regionalregierung (Govern) vereinbarten Limit von 5.000 Kreuzfahrttouristen pro Tag liegt. Die lokale Besorgnis war groß: Würde das historische Zentrum der Stadt unter der Masse der Besucher zusammenbrechen?

Methodischer Stadtrundgang: Die Suche nach der Masse

Ein Redakteur der deutschsprachigen Mallorca Zeitung begab sich am selben Tag auf einen methodischen Rundgang durch die vermeintlich kritischen Zonen Palmas, um die Situation faktenbasiert zu dokumentieren.

Die erste Beobachtung um die Plaza España und ihre Umgebung widerlegt die Erwartungshaltung: Die Bereiche waren menschenleer. Lokalpolizisten, die dort patrouillierten, bestätigten diesen Eindruck. "Hier kommen vielleicht einige Passagiere mit dem Zug an. Aber sonst ist hier selten viel Bewegung", erklärten sie gegenüber dem Redakteur und rieten, die bekannteren Fußgängerzonen zu inspizieren.

In der Calle Sant Miquel, einer typischen Hauptader des Tourismus, war der Fußgängerfluss vorhanden, aber nicht als "Agglomeration" zu beschreiben. Eine lokale Residentin namens Ainhoa bestätigte: "Normalerweise ist es voller. Momentan sind nicht viele Menschen hier." Die Wahrnehmung der Einheimischen variiert jedoch. Die Rentnerin Mónica Coll, die auf einem Bank in der Nähe sitzt, äußerte sich deutlich kritischer: "Ich bin es leid. Die Stadt ist überfüllt." Sie konkretisiert ihre Kritik mit dem Beispiel des Mercat de l'Olivar, wo selbst für den Kauf einer Banane Wartezeiten entstehen. Sie vermutet jedoch, dass die Kreuzfahrttouristenmasse vielleicht später eintreffen könnte – ihre Beobachtung erfolgte um 10:50 Uhr.

Die Perspektive der Passagiere und der Wirtschaft

Deutsche Stimmen werden gehört. Die Familie Moschir aus Heidelberg, Passagiere der Aida von Barcelona, kommentiert die Situation: "Wir kennen die Stadt von früheren Flugreisen. Im Moment finden wir sie relativ leer." Sie erklären, dass viele Kreuzfahrttouristen organisierte Ausflüge, beispielsweise zu Porto Cristo, Sóller oder Andratx, gebucht haben. Ihr Plan für den Tag in Palma: die Stadt erkunden, Tapas essen und gegen 16 oder 17 Uhr zurück zum Schiff gehen.

Der wirtschaftliche Effekt ist für lokale Händler nicht eindeutig positiv. Noelia Torres, die in einem Optikgeschäft in der Calle Sant Miquel Sonnenbrillen verkauft, stellt klar: "Man kann nicht von einer bedrängenden Menge sprechen." Sie beobachtet jedoch ein verändertes Kaufverhalten: "Viele kommen, schauen und gehen dann, um Preise zu vergleichen. Früher holten sie direkt die Geldbörse heraus."

Die Plaza Mayor zeigt Aktivität, jedoch keine Überlastung. Spanische Familien kaufen auf Straßenständen. Auf dem Weg zur Plaza de Cort müssen Passanten slalomlaufen – nicht wegen der Menschenmasse, sondern weil Touristen häufig stoppen, um Ladenfassaden zu fotografieren. Die Cafés und Restaurants gegenüber dem Rathaus (Ayuntamiento) sind gut besucht, bieten aber noch freie Tische. An den Eisdielen stehen nur zwei oder drei Personen.

Kontroverse am Symbolort: Die Kathedrale

Am monumentalen Symbol der Stadt, der Kathedrale, trifft der Redakteur auf kontroverse Aussagen. Eine ältere Dame aus Stuttgart empfindet die "Massifikation" als inakzeptabel. Ihre eigene Tochter korrigiert diese Wahrnehmung faktisch: "Im Moment ist es gar nicht voll. Wir dachten, heute wäre es bis zum Limit besetzt, aber das ist nicht der Fall."

Direkt neben der alten Stadtmauer steht der Einzel-Protest von Pere Joan Femenia. Er demonstriert allein gegen den Kreuzfahrttourismus. "Momentan sind wahrscheinlich nicht zu viele Menschen hier", gibt er zu. Seine Kritik richtet sich jedoch fundamental auf das System: "Das Maximum sind 5.000 Kreuzfahrttouristen pro Tag und nicht mehr als drei Schiffe. Im Zentrum von Palma sind 70% der Läden auf Touristen ausgerichtet, es bleiben nur Souvenirs." Für ihn ist das Argument, dass die Insel vom Tourismusgeld lebte, ein Narrativ einer kleinen, profitierenden Gruppe.

In ihrem Schatten diskutiert eine Gruppe aus Mainz – Thomas, Jeanne und Christina – die Vor- und Nachteile. Jeanne berichtet von leeren Straßen auf ihrem Weg. Thomas urteilt: "Es ist schlecht, wenn Limits überschritten werden. 15.000 Touristen ist eine bedeutende Zahl." Christina relativiert: "Auch samstags im Ikea sind viele Menschen. Momentan sieht man nicht so viele."

Verkehr vs. Stadtzentrum: Die Diskrepanz der Belastung

Auf dem Weg zum Born kreuzt kurzzeitig eine Gruppe von Aida-Passagieren den Weg. Für Sekunden füllt sich der Gehweg, dann ist er wieder leer. Ein Stand der Zeugen Jehovas am Passeig bietet eine weitere Perspektive. Auf die Frage nach Überfüllung schauen die Mitglieder überrascht in die leere Umgebung. "Am Dienstag war es voll, weil bei bewölktem Wetter die Sommerfrischlinge nach Palma kommen", erklärt Margarita, die einzige Spanierin in der Gruppe.

Ihr Kollege Wilman lenkt den Blick auf einen anderen Aspekt der Belastung: "Die Überlastung zeigt sich mehr auf den Straßen." Er berichtet von seiner Pendelstrecke von Santa Ponça nach Palma: Normal dauert sie 15-20 Minuten, in der Tourismussaison über eine Stunde.

Fazit: Eine geteilte Realität

Die investigative Tour durch Palma am Samstag des 2. August zeigt ein Paradoxon: Die Ankunft von 15.000 Kreuzfahrttouristen, die einen vereinbarten Limit überschreitet, führt nicht zu den erwarteten, überfüllten Straßen im historischen Kern. Die Belastung wird von Einheimischen unterschiedlich wahrgenommen – einige sehen sie in der alltäglichen Infrastruktur (Märkte, Verkehr), andere im langfristigen Verlust lokaler Geschäftsvielfalt. Die Passagiere selbst erleben die Stadt oft als "relativ leer". Die dokumentierten Fakten deuten darauf hin, dass die Masse der Kreuzfahrttouristen entweder durch organisierte Ausflüge verteilt wird oder sich zu anderen Zeitpunkten im Stadtzentrum bewegt, als von Kritikern angenommen. Die Überschreitung des Limits bleibt jedoch ein administrativer und prinzipieller Konfliktpunkt, unabhängig von der direkt beobachtbaren Menschenmenge an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt.

(Die Beobachtungen und Aussagen basieren auf einem Rundgang und Interviews, die für die Mallorca Zeitung durchgeführt wurden.)


Quelle: diariodemallorca.es