Anstieg von Delikten gegen Schutzbefohlene

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Barcelona

Anstieg von Delikten gegen Schutzbefohlene

von Redaktion

Statistischer Anstieg und Ressourcenmangel

Die Fachabteilung für den Schutz von Opfern im Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft Barcelona hat im ersten Quartal des Jahres 95 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Diese Zahl, die deutlich über der des Vorjahres liegt, markiert eine besorgniserregende Entwicklung. Die Leiterin der Abteilung, Staatsanwältin Sílvia Armero, bestätigte diese Daten in einem Gespräch und machte zugleich auf die damit verbundene Überlastung aufmerksam. Der aktuellen Arbeitsbelastung stehe ein Team von nur vier Staatsanwälten gegenüber, wobei sie selbst die einzige mit einer Vollzeit-Zuständigkeit sei. Armero forderte konkret den Einsatz zusätzlicher Kräfte oder die Freistellung der vorhandenen, um der Aufgabe gerecht werden zu können.

Verteilung der Deliktsfelder

Eine Analyse der 95 neuen Verfahren zeigt eine klare Schwerpunktbildung. Den größten Anteil machen mit 59 Fällen sexualisierte Gewalttaten an Minderjährigen aus. Weitere 22 Verfahren betreffen familiäre Gewalt, wobei Misshandlungen älterer Menschen besonders hervorgehoben werden. Zwölf Fälle sind Vermögensdelikten wie Betrug oder Unterschlagung zuzuordnen, deren Opfer ebenfalls überwiegend hochbetagte Personen sind. Parallel dazu wurden im gleichen Zeitraum 59 präprozessuale Maßnahmen eingeleitet. Diese dienen nicht der Ermittlung einer Straftat, sondern ausschließlich dem vorbeugenden Schutz besonders vulnerabler Personen, für die ein Gerichtsverfahren ansteht.

Von der "menschlichen Barriere" zum systematischen Opferschutz

Die Abteilung in Barcelona war 1995 die erste ihrer Art in Spanien. Ihr ursprünglicher Fokus lag auf der Begleitung von Opfern sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt während der Gerichtsverhandlung. Dieser Service wurde seither auf andere schwere Delikte und auf besonders schutzbedürftige Gruppen wie Ältere oder Menschen mit Behinderung ausgeweitet. Armero schilderte den Paradigmenwechsel der letzten Jahrzehnte: Wurden Opfer früher oft gezwungen, neben ihrem mutmaßlichen Peiniger auf der Zeugenbank zu sitzen, gibt es heute etablierte Schutzmechanismen. Heute werden Betroffene von Angehörigen einer speziellen Opferschutzgruppe der Mossos d'Esquadra vom Betreten des Gerichts bis zur Verhandlung begleitet. Diese Beamtinnen sitzen während der Aussage neben dem Opfer, was, so Armero, die Zeugenaussage durch ein Gefühl der Sicherheit deutlich verbessere.

Technische Defizite gefährden Beweissicherung

Ein weiterer zentraler Fortschritt ist die zunehmende Akzeptanz sogenannter präkonstituierter Beweise durch die Gerichte. Dabei wird die Aussage einer verletzlichen Person – etwa eines Kindes, einer älteren Person oder einer psychisch traumatisierten Zeugin – bereits vor der Hauptverhandlung unter gesicherten Bedingungen aufgezeichnet, um eine Reviktimisierung durch die Konfrontation im Gerichtssaal zu vermeiden. Armero betont jedoch, dass die technische Infrastruktur für diese sensible Verfahrensweise oft unzureichend sei. Sie vergleicht die Situation mit einer Operation mittels 40 Jahre alter, rostiger Skalpelle. Eine verlässliche Ton- und Bildqualität in abgetrennten Videovernehmungsräumen sei unabdingbar, um die Beweiskraft dieser Aussagen nicht zu gefährden. Diese Investitionen würden zudem dazu führen, dass als Zeugen geladene Polizeibeamte oder Gerichtsmediziner nicht ganze Vormittage im Gericht verbringen müssten, sondern zeitnah zu ihren eigentlichen Aufgaben zurückkehren könnten.

Netzwerk gegen Reviktimisierung

Die Arbeit der Abteilung beschränkt sich nicht auf die Gerichtsbegleitung. Sie koordiniert ein Netzwerk mit städtischen Sozialdiensten, Gesundheitszentren, der Barnahus-Einrichtung sowie Fachkollegen für den Schutz von Minderjährigen und vulnerablen Erwachsenen. Ziel ist eine abgestimmte, "einheitliche Antwort", die vermeidet, dass Opfer durch verschiedene, unkoordinierte Befragungen erneut traumatisiert werden. Trotz der geschilderten Defizite zeigt sich Armero optimistisch, was die wachsende Sensibilität für Opferbelange in Justiz und Gesellschaft angeht. Die Forderung nach mehr Personal und moderner Ausstattung bleibt für sie jedoch die grundlegende Voraussetzung, um diesen Weg konsequent weitergehen zu können.

Die Informationen basieren auf einer Stellungnahme von Staatsanwältin Sílvia Armero gegenüber Europa Press.