Als ein Lied zum Politikum wird

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Palma de Mallorca

Als ein Lied zum Politikum wird

von Sabine Keller

Ein vielstimmiger Ruf nach Identität

Es war mehr als nur ein Chor. Es war eine Inszenierung kollektiven Willens. Als am vergangenen Freitag tausende Stimmen auf der Plaza Mayor in Palma und gleichzeitig auf unzähligen Plätzen über ganz Mallorca hinweg das Lied La Balanguera anstimmten, da ging es nicht bloß um einen hundertjährigen Song. Es ging um eine Botschaft. Die Organisatoren von der Obra Cultural Balear (OCB) feierten zwar das Jubiläum der Vertonung von Joan Alovers Gedicht durch Amadeu Vives. Doch im Kern inszenierten sie ein politisches Statement in Moll und Dur.

Ein "Erfolg" sei es gewesen, ein "transversales, territoriales und intergenerationelles" Ereignis, so die OCB in einer Mitteilung. Die Dimensionen sind in der Tat beeindruckend: Über 258 Schulen, alle Gemeinden der Insel und mehr als 300 kulturelle und zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligten sich an der synchronisierten "Cantada". Vom Morgengesang in den Klassenzimmern bis zum großen Finale mit Blasorchester, über einem Dutzend Chören und traditionellen xeremiers-Tanzmusikanten am Abend – die Insel war ein einziger vibrierender Resonanzkörper.

Wo Kultur auf Politik trifft

Doch hier hört die simple Festtagsreportage auf. Wer genau hinhört, vernimmt in den Äußerungen der Organisatoren den scharfen Unterton einer identitätspolitischen Positionsbestimmung. Der Präsident der OCB, Antoni Llabrés, ließ in seinen Statements, die von der Nachrichtenagentur Europa Press übermittelt wurden, keinen Zweifel daran, wie er das Ereignis verstanden wissen will: Als "Schrei" zur "Verteidigung und Bestätigung der Identität und Persönlichkeit als Volk". La Balanguera, so Llabrés, sei ein "geteiltes Symbol für Kultur, Sprache, Erinnerung und Identität".

Das ist eine klare Kampfansage an alle, die im mallorquinischen Kulturerbe lediglich folkloristisches Beiwerk sehen. Die OCB, eine Institution mit klarem Bekenntnis zur balearischen Kultur und Sprache, stellt die Aktion als Beweis für die "Vitalität" und den gemeinsamen Willen der Mallorquiner dar, "das, was sie identifiziert und als Volk vereint, zu verteidigen und zu teilen". In einer Zeit, in der globale Uniformierung und massentouristische Überformung die Insel prägen, ist dies ein lautstarker Akt der Selbstvergewisserung.

Der Sound der vielen Stimmen

Die Liste der beteiligten Gruppen liest sich wie das Who-is-who des mallorquinischen Kulturlebens: Vom traditionsreichen Orfeó Ramon Llull über die Capella Mallorquina bis zur Universitätschor der Balearen. Diese breite Basis macht die Aktion so bedeutsam. Es war keine Nischenveranstaltung einer radikalen Minderheit, sondern ein gesellschaftlich breit verankerter Aufruf. Die simultanen Gesänge in Stadtvierteln wie Son Gotleu oder an symbolträchtigen Orten wie dem Kloster Lluc unterstreichen den Anspruch auf flächendeckende Repräsentanz.

Die Kritiker solcher Events mögen einwenden, hier werde künstlich eine Einheit beschworen, wo es in Wirklichkeit vielfältige, auch konfligierende Identitäten gibt. Sie fragen, wer genau mit "dem Volk" gemeint ist. Die Organisatoren kontern mit dem überwältigenden Bild der Teilnahme. Die "massive Antwort der Bürgerschaft", so ihr Argument, spreche für sich selbst.

Mehr als nur Folklore

Das Fazit ist so klar wie der Klang der tausenden Stimmen auf der Plaza Mayor: La Balanguera ist in Mallorca längst zur inoffiziellen Nationalhymne avanciert. Ihr kollektiver Gesang ist kein nostalgischer Rückzug, sondern ein zeitgenössischer Akt der Positionsbestimmung. Er markiert die Grenze, an der folkloristische Darbietung für Touristen endet und ernsthafter kultureller Eigenanspruch beginnt.

Die OCB hat mit dieser gigantischen musikalischen Choreografie bewiesen, dass Kultur der wirkungsvollste Kitt sein kann – und gleichzeitig die schärfste Waffe im Kampf um Deutungshoheit. Mallorca hat an diesem Tag nicht nur gesungen. Es hat sich selbst zugeschrien, wer es ist oder zumindest sein will. Die Melodie mag hundert Jahre alt sein, die Botschaft ist brandaktuell.

Quellen: Angaben der Obra Cultural Balear (OCB) und des Präsidenten Antoni Llabrés, übermittelt durch Europa Press.


Quelle: europapress.es