Wenn Pop auf Poesie trifft

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

Estepona

Wenn Pop auf Poesie trifft

von Sabine Keller

Kultur als Standortfaktor: Ein Festival zeigt, wie es geht

Während anderswo über leere Kassen und schwindendes Publikum geklagt wird, macht eine Stadt an der Costa del Sol vor, wie kulturelle Politik funktionieren kann: mit klarem Bekenntnis, investierter Infrastruktur und einem Programm, das keine Scheu vor populären Formaten hat. Vom 26. bis 28. Juni wird Estepona zum Schauplatz des dritten Festival Literario (FLEST), und die Gästeliste ist eine gezielte Provokation an all jene, die Literatur in einen elfenbeinernen Turm sperren wollen. Hier treffen die Grande Dame des spanischen Journalismus, Rosa Montero, auf den Exzentriker der Popkultur, Mario Vaquerizo, und der hochdekorierte Autor Enrique Vila-Matas gibt sich mit der Flamenco-Ikone Estrella Morente die Ehre. Diese Mischung ist kein Zufall, sondern Programm.

Alejandro Simón Partal, verantwortlich für das Festival, betont laut einer Vorstellung im Az Costa del Sol genau diese „transversale“ Ausrichtung. Das Ziel sei nicht nur die Ehrung der hohen Literatur, sondern die Stärkung des gesamten kulturellen Gefüges der Stadt durch ein diverses Angebot. Eine Linie, die Bürgermeister José María García Urbano vehement unterstützt. Für ihn ist das im letzten Jahr eröffnete Centro Cultural Mirador del Carmen mit seiner Bibliothek für zeitgenössische Kulturen längst mehr als ein Gebäude – es sei ein „Leuchtturm der Kultur in der Provinz Málaga“. Solche Statements klingen nach üblicher Lokalpolitik-Rhetorik. Doch der Blick auf das Programm verrät: Hier wird dieser Anspruch mit Inhalt gefüllt.

Die Poesie des Pop: Ein Festival widersetzt sich der Spaltung

Die erste Abendveranstaltung am 26. Juni ist dafür symptomatisch: Während im Innenraum die renommierte Schriftstellerin Rosa Montero auf ihre Leser trifft, diskutieren draußen Topacio Fresh und Mario Vaquerizo über „Popkultur, alle Feste von morgen“. Diese Parallelität ist eine kluge Geste. Sie verweigert sich der altbackenen Trennung zwischen „ernster“ und „unterhaltender“ Kultur und anerkennt, dass gesellschaftliche Debatten heute ebenso sehr in Serien, Musik und Internetphänomenen geführt werden wie in Romanen. Dass die Schauspielerin Belén Cuesta am Folgetag genau über diese Schnittstelle von „Serien und Literatur“ sprechen wird, unterstreicht diesen zeitgemäßen Ansatz.

Das Programm durchbricht weitere Grenzen. Es bietet der Jugendbuchautorin Myriam M. Lejardi eine Bühne, lässt aber auch die preisgekrönte Dichterin Sara Torres zu Wort kommen. Es widmet sich in einem Workshop der kindlichen Perspektive („Das Haus durchs Fenster“) und diskutiert im selben Atemzug mit Denkern wie Marta Peirano und Santiago Alba Rico über die existenziellen Fragen von Künstlicher Intelligenz und menschlicher Endlichkeit. Die Einbindung des Historikers Julián Casanova, der über „Franco: Geschichte und Erinnerung“ referiert, zeigt zudem, dass das Festival sich auch der politischen und historischen Dimension von Literatur und öffentlichem Wort stellt – ein notwendiger Kontrapunkt in einer oft entpolitisierten Festivallandschaft.

Ein Fazit vor dem Finale: Mehr als nur ein Event

Die Krönung des Abends am 27. Juni liegt dann in den Händen – oder besser: der Stimme – von Estrella Morente. Dass eine der bedeutendsten Flamenco-Sängerinnen der Gegenwart ein Literaturfestival mit einem Open-Air-Konzert beschließt, ist kein Accessoire, sondern eine logische Konsequenz des Konzepts. Der Flamenco, tief in der andalusischen Kultur verwurzelt, ist selbst eine hochliterarische, von cante jondo durchdrungene Kunstform. Die Verbindung von Wort und Gesang, von Gedicht und Melodie, wird hier sinnfällig.

Mit dem Journalisten Pedro Piqueras als finalem Gast am Sonntagabend schließt sich der Kreis zu Rosa Montero: Beide stehen für die kraftvolle öffentliche Stimme, für das Wort, das nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Gesellschaft wirken soll. Das FLEST inszeniert sich damit nicht als abgeschotteter Elitezirkel, sondern als lebendiger Marktplatz der Ideen und Ausdrucksformen. Es ist ein Experiment, das gelingen kann, weil es auf die Infrastruktur einer Kommune setzt, die Kultur tatsächlich als Standortfaktor begreift – und nicht nur als Feigenblatt. Ob andere Städte und Festivals den Mut haben, diesem transversalen, populären und anspruchsvollen Weg zu folgen, bleibt abzuwarten. Estepona zeigt, dass es möglich ist.

Quellen: Programmvorstellung und Aussagen von Bürgermeister José María García Urbano sowie Festivalverantwortlichem Alejandro Simón Partal laut Bericht des Az Costa del Sol.


Quelle: azcostadelsol.com

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