
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Vom Traumstart zum Albtraum: Das Rätsel der Massen-Nullpunkte
Ein kollektiver Schock mit persönlichen Folgen
Ane Núñez verließ den Prüfungssaal mit einem guten Gefühl. Der Text im Fach „Baskische Sprache und Literatur II“ war für sie gut verständlich, die Fragen darauf schienen lösbar. Eine 8 von 10 Punkten schien realistisch. Was die Bilbaoerin dann erhielt, war ein Schlag ins Kontor: 0,65 Punkte. „Ich finde meine Note absolut ungerecht, angesichts der Prüfung, die ich geschrieben habe. Ich verstehe nicht, was da passiert ist“, zitiert sie das Portal 20minutos. Ane Núñez ist keine Ausnahme. Sie steht stellvertretend für Dutzende Abiturienten im Baskenland, die in derselben Prüfung der PAU (Prueba de Acceso a la Universidad) mit einer Note konfrontiert wurden, die nicht ihrer Leistung entsprechen soll: Null.
Die öffentlich gewordenen Ergebnisse lösten sofort Protest aus. Vor der Ingenieurfakultät in San Mamés versammelten sich junge Menschen, begleitet von besorgten Eltern. Ihre Forderung ist klar: eine Erklärung und eine Lösung. Denn eine Null in einem Kernfach kann den Traum vom gewünschten Studienplatz zunichtemachen. In einem Landstrich, in dem die Sprache auch politisches Bekenntnis ist, wird aus einem Prüfungs-Fiasko schnell ein bildungspolitischer Skandal.
Das Schweigen der Institutionen und der Ruf nach Revision
Die erste, naheliegende Vermutung – ein Computerfehler – wurde von der Baskischen Universität (EHU) rasch entkräftet. Wie 20minutos berichtet, habe die Universität mitgeteilt, dass entdeckte Fehler behoben worden seien und nur acht fälschlich als nicht erschienen geführte Studenten betroffen gewesen seien. Zu den inhaltlich fragwürdigen Massen-Nullnoten äußerte sich die EHU auf Nachfrage nicht. Dieses beharrliche Schweigen der verantwortlichen Institution heizt die Debatte weiter an.
Stattdessen verwies man auf das formal korrekte Prozedere: Die Studenten hätten das Recht auf eine Überprüfung ihrer Arbeit. Ein betroffenes Schulzentrum, das anonym bleiben möchte, um seine Schüler nicht zu benachteiligen, bestärkte seine Schüler ausdrücklich darin, von diesem Recht Gebrauch zu machen. „Es gibt Fälle, die man nicht versteht“, heißt es aus der Schule. Besonders rätselhaft seien jene Schüler, die im Fach Euskera während des gesamten Schuljahres gute bis sehr gute Leistungen erbracht hätten, teilweise sogar aus euskera-sprachigem familiären Umfeld stammten, und nun durchgefallen seien. Ebenso unerklärlich sei, dass dieselben Schüler in anderen Fächern mit ähnlichen sprachlichen Anforderungen, wie Philosophie auf Baskisch, hervorragende Noten erzielt hätten.
Ein Tribunal fällt auf – doch die Panne ist systematisch
Lokale Medien wie das Diario Vasco brachten Licht in die geografische Verteilung des Debakels. Demnach konzentrieren sich die auffälligen Misserfolge auf das Tribunal 11, das in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften auf dem Campus Sarriko untergebracht war – genau dort, wo auch Ane Núñez ihre Prüfung ablegte. Dieses Tribunal sei jedoch nicht das einzige mit auffälligen Ergebnissen gewesen. Die Panne scheint also nicht einem einzelnen korrumpierten Prüfer geschuldet, sondern deutet auf ein systematisches Problem bei der Aufgabenstellung, den Bewertungskriterien oder der Schulung der Korrektoren hin.
Die politische Dimension ließ nicht lange auf sich warten. Begoña Pedrosa, Bildungsministerin der Baskischen Regierung, zeigte sich in Radio Euskadi „besorgt“ und kündigte an, den Vorgang genau zu verfolgen. Die Aussage bleibt vage, unterstreicht aber den öffentlichen Druck. Die Frist für Überprüfungsanträge ist inzwischen abgelaufen. Ein Zweitkorrektor wird nun die beanstandeten Arbeiten komplett neu bewerten. Bis zum 22. Juni müssen die Betroffenen auf die endgültige Entscheidung warten – eine quälende Zeit in limbo zwischen Schulabschluss und akademischer Zukunft.
Fazit: Vertrauensverlust als größter Schaden
Das eigentliche Drama geht über die individuellen Schicksale hinaus. Ein staatliches Prüfungssystem, das für Fairness und Objektivität stehen soll, gerät durch solche Vorfälle fundamental ins Wanken. Wenn Schüler mit nachweislich gutem Sprachlevel eine Null erhalten, ist das nicht nur eine persönliche Niederlage, sondern ein Schlag gegen die Glaubwürdigkeit des gesamten Hochschulzugangs. Die EHU mag auf ihre „etablierten Mechanismen“ verweisen. Doch diese Mechanismen haben hier offenkundig versagt. Die geforderte Revision korrigiert vielleicht Einzelnoten, nicht aber den entstandenen Vertrauensverlust. Am Ende steht die unbequeme Frage: Wenn schon bei der transparenten Abschlussprüfung solche Blackbox-Entscheidungen fallen – wie viel Willkür herrscht dann im restlichen Bildungssystem?
Quellen: 20minutos, Diario Vasco, Radio Euskadi (Aussagen der baskischen Bildungsministerin Begoña Pedrosa), offizielle Mitteilungen der Baskischen Universität (EHU).
Quelle: 20minutos.es