Die Krankmacher vom Dienst

Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.

bilbao

Die Krankmacher vom Dienst

von Sabine Keller

Der Preis der blauen Briefe

Es ist ein Tabubruch, der lange überfällig war. Mit einer Schärfe, die man von der politischen Mitte selten hört, hat der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo dieser Tage in Bilbao den Kampf gegen das ausufernde Fernbleiben vom Arbeitsplatz zur Chefsache erklärt. Seine Botschaft an die versammelten Unternehmer des Baskenlandes war keine Wischiwaschi-Rede, sondern eine Kampfansage: Fast 1,2 Millionen Menschen, die täglich ihrer Arbeit fernbleiben – das sei ein „Krebsgeschwür“, das sich Spanien schlicht nicht mehr leisten könne. Die Rechnung, die er präsentierte, ist vernichtend: mehr als 30 Milliarden Euro jährlich, entgangene Produktivität und staatliche Mehrausgaben, die direkt in ein Loch der Sozialkassen von 70 Milliarden Euro fallen.

Mit oder ohne euch

Feijóos Argumentation folgt einer eisernen Logik: Seit 2018, dem Amtsantritt von Pedro Sánchez, habe sich die Zahl der täglich Abwesenden mehr als verdoppelt – von 450.000 auf über 1,16 Millionen. Wie der Personaldienstleister Randstad Research in einer aktuellen Studie belegt, liegt die durchschnittliche Fehlquote inzwischen bei 7,2 Prozent. Ein Wert, den Feijóo als „enormen Anteil an Betrug“ brandmarkt, sobald er die Fünf-Prozent-Marke überschreitet. Der PP-Chef, der in der autonomen Gemeinschaft mit der höchsten Abwesenheitsquote sprach, drohte den Sozialpartnern offen: Die Maßnahmen würden kommen, „mit oder ohne“ Einigung mit Gewerkschaften und Arbeitgebern. Ein klares Versprechen an die CEOE, die längst fordert, dass die Sozialversicherung und nicht der Betrieb die Kosten von Langzeitkranken tragen soll.

Die Keule des Sozialstaats

Dass der Tabubruch den sozialistischen Amtsinhaber auf den Plan rufen würde, war zu erwarten. Pedro Sánchez fährt auf X die rhetorische Brechstange: Wer von Krebs spreche und vorschlage, dass kranke Arbeiter weniger verdienten, der zeige sein wahres Gesicht. Feijóo hingegen wehrt sich gegen die Unterstellung, es gehe ihm ums Sparen am Krankenbett. Seine Stoßrichtung ist eine andere: Er prangert die strukturelle Schieflage an, die bereits die unabhängige Finanzbehörde AIReF kritisierte. Diese hatte eine „strukturelle Schwäche“ in der Trennung von Diagnose (Hausarzt) und Zahlung (Sozialkasse) ausgemacht. Feijóo schießt sich auf Betriebsvereinbarungen ein, die Abwesenden faktisch das volle Gehalt garantieren. Die „Kultur des Krankfeierns“, wie sie in manchen Kreisen genannt wird, soll per Gesetz ausgemerzt werden. Der Pakt mit der Realität: Wer Vollkasko fordert, darf sich nicht wundern, wenn das System kollabiert.

Der Kampf um die Deutungshoheit

Die Ministerriege um Yolanda Díaz und Gesundheitsministerin Mónica García betont unisono, dass eine Krankmeldung ein ärztlicher Akt sei – und kein freier Wille. Spanien leide unter sozialen Missständen, die Wohnungsnot sei der wahre Krankmacher, so García. Ein wohlfeiler Ablenkungsversuch, der an der mathematischen Wucht der 30 Milliarden jedoch abprallt. Die PP-Spitze kontert geschickt: Vizesprecherin Alicia García stellt klar, dass es nicht um die wirklich Kranken gehe, sondern um die „Schnorrer“ – und um den Schutz der Arbeitnehmer, die täglich „den Rücken kaputt machen“. Das ist die Linie, die konservative Wähler hören wollen: Härte gegen Betrug, nicht gegen Krankheit.


Quelle: 20minutos.es