
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Großsimulation: Teneriffa probt den Vulkan-Ernstfall
Die Kunst des rechten Augenblicks
Wer schon einmal einen Vulkanausbruch miterlebt hat, weiß: Es gibt keine zweite Chance für eine verpatzte Evakuierung. Die Kanaren mussten diese Lektion 2021 auf La Palma schmerzhaft lernen, als die Erde aufriss und binnen Wochen ganze Ortschaften unter einer Aschedecke verschwanden. Nun will Teneriffa beweisen, dass es aus den Fehlern der Nachbarinsel gelernt hat – und probt den Worst Case.
Am Donnerstag wird der Süden der Insel zum Schauplatz der bislang größten Notfallübung ihrer Art: VOLCANEX TENERIFE 2026. Mehr als 1.500 Teilnehmer und rund 70 Einheiten – vom Bomberos über die Militärische Notfalleinheit (UME) bis zur Guardia Civil – simulieren zwischen 7 und 14 Uhr den Ausbruch im Bereich Guía de Isora. 28 Einzelübungen sollen zeigen, wie schnell Behörden, Retter und Bevölkerung auf eine Bedrohung reagieren, die keine Vorwarnzeit kennt.
Mehr als nur eine Pflichtübung
Der Clou an diesem Szenario ist nicht die Anzahl der beteiligten Kräfte, sondern die Detailtiefe. Es geht nicht um theoretische Konzepte, sondern um handfeste Abläufe: die Evakuierung der Ortskerne Chirche und Aripe, die Rettung von Touristen aus einem Luxushotel in Adeje oder den Abtransport von Senioren aus einem Pflegeheim in Santiago del Teide. Menschen mit eingeschränkter Mobilität, der Schutz von Kulturgütern, selbst die Bergung von Tieren und die Sicherung leerer Häuser vor Plünderern stehen auf dem Programm. Das ist kein Feuerwehrfestival, das ist Generalprobe für den Zusammenbruch der zivilen Infrastruktur.
Besonderes Augenmerk liegt auf den neuen Warnkanälen. Erstmals wird das ES-ALERT-System großflächig getestet, das Push-Nachrichten direkt auf alle Handys in der Gefahrenzone schickt. Drei Alarmstufen sind geplant: Der erste Signalton um 9 Uhr informiert die gesamte Insel über den Übungsbeginn – eine Ansage, die bei vielen Bewohnern für einen verdienten Schreckmoment sorgen dürfte. Um 11 Uhr folgen konkrete Anweisungen für die Küstenorte, um 14 Uhr die Entwarnung.
Die Inselpräsidentin Rosa Dávila betont, es gehe nicht nur um den Empfang der Nachrichten, sondern um das Verständnis der Instruktionen. Ein heikler Punkt. Denn was nützt das beste Warnsystem, wenn die Bevölkerung im Ernstfall in Panik gerät oder – schlimmer noch – die Anweisungen ignoriert?
Das Gespenst der Desinformation
Ein innovativer Aspekt der Übung ist der Kampf gegen Gerüchte. Die Behörden haben erkannt, dass in einer modernen Krise nicht nur die Lava eine Gefahr darstellt, sondern auch die Flut aus Halbwahrheiten und Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken. Die Koordination der Kommunikationszentren und die zentrale Steuerung offizieller Informationen werden deshalb explizit trainiert. 33 Drohnen liefern dabei nicht nur Lagebilder für die Einsatzkräfte, sondern auch für besorgte Angehörige, die nach dem Zustand ihrer Häuser fragen.
Kritiker könnten einwenden, dass eine Übung mit Ankündigung wenig mit der Realität einer plötzlichen Eruption zu tun hat. Doch genau darin liegt der strategische Wert: Die Abläufe von Registrierung, Transport und Unterbringung müssen so tief im Muskelgedächtnis der Verwaltungen verankert sein, dass sie auch im Chaos eines echten Notfalls funktionieren. Die Übung knüpft an das europäische Projekt EU MODEX an, das im Vorjahr in Garachico stattfand – eine kontinuierliche Aufrüstung der Krisenkompetenz.
Am Ende dieses Donnerstags wird niemand applaudieren, wenn die letzte Sirene verstummt. Doch die Auswertung der Übung, die Analyse der Fehler und die Verbesserung der Schwachstellen sind der eigentliche Gewinn. Teneriffa weiß: Auf den Vulkan kommt es nicht an – sondern auf die Vorbereitung auf ihn. Wie die Nachbarinsel La Palma 2021 zeigte, kann die Zeit zwischen zwei Warnungen entscheidend über Leben und Tod bestimmen. Diese Übung ist der Versuch, diese Zeit zu verlängern.
Quelle: Informationen nach Europa Press und Angaben des Cabildo de Tenerife.
Quelle: europapress.es