
Symbolfoto: Dient der Illustration und ist nicht zwingend orts- oder personengebunden.
Gestrandete Grenzgängerinnen und ihre Überlebensstrategien
Eine Zäsur an der Grenze
Vor der Pandemie pendelten Tausende Menschen aus den angrenzenden marokkanischen Provinzen regelmäßig nach Melilla, um dort zu arbeiten. Viele von ihnen waren Frauen, die im Haushalts- und Pflegesektor tätig waren. Als die spanisch-marokkanische Grenze am 13. März 2020 geschlossen wurde, brach für sie die Lebensgrundlage weg. Wie die Universität Granada mitteilt, hat ein Forschungsteam des Instituts für Soziologie diese Situation in einer Langzeitstudie untersucht; die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Mobilities veröffentlicht.
Die Forscherinnen stützen sich auf mehr als drei Jahre ethnografische Feldarbeit und Dutzende Tiefeninterviews. Demnach befanden sich die betroffenen Frauen nach dem Grenzschluss in einer Zwangslage. Eine Rückkehr nach Marokko hätte bedeutet, die Arbeitsmöglichkeit in Melilla zu verlieren; ein Bleiben in der spanischen Stadt brachte ein Leben ohne regulären Aufenthaltsstatus und die Gefahr der Abschiebung mit sich. Viele Frauen entschieden sich für den Verbleib.
Familie als zentrale Entscheidungsebene
Die Studie zeigt, dass solche Entscheidungen selten individuell getroffen wurden. Im Mittelpunkt stand die wirtschaftliche Sicherung der gesamten Familie. Die Grenzschließung hatte in den marokkanischen Nachbarprovinzen Arbeitsplätze vernichtet. Dadurch wurden viele der gestrandeten Frauen zu Alleinverdienerinnen ihrer Haushalte. Die Versorgung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen musste innerhalb der Familien neu organisiert werden.
Gleichzeitig versuchten die Frauen, ihre Mobilität auf legalem Weg wiederzuerlangen. Manche bemühten sich um einen grenzüberschreitenden Arbeitsvertrag, andere beantragten den arraigo, eine Aufenthaltserlaubnis aus sozialen oder arbeitsbezogenen Gründen.
Hohe persönliche Kosten
Die Interviews machen die persönlichen Folgen dieser Strategien sichtbar. Einige Frauen verabschiedeten sich am Morgen von ihren Kindern, ohne zu ahnen, dass Jahre vergehen würden, bis sie sie wiedersehen könnten. Andere konnten kranke Angehörige nicht begleiten oder sich nicht von sterbenden Familienmitgliedern verabschieden. Währenddessen hielten sie die Sorgearbeit für andere Kinder, ältere Menschen und Haushalte aufrecht.
Die Autorinnen interpretieren die Pandemie als Wendepunkt, der strengere Grenzkontrollen ermöglichte, die vor 2020 kaum durchsetzbar gewesen wären. In diesem Zusammenhang verweisen sie auf das Konzept der „Schock-Doktrin“. Auch die wegen der angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und Marokko über zwei Jahre verzögerte Wiedereröffnung habe keine Rückkehr zur alten Normalität gebracht: Die neuen Überquerungsbedingungen seien so restriktiv gewesen, dass die Grenze praktisch geschlossen blieb.
Verwundbarkeit hinter den Statistiken
Die Untersuchung gehört zu einer Forschungslinie über die sozialen Folgen europäischer Migrations- und Grenzpolitik. Sie entstand in der Forschungsgruppe „Problemas Sociales“ (SEJ 129) der Universität Granada. Die Autorinnen betonen, dass die betroffenen Frauen bereits vor der Pandemie prekär gearbeitet hatten. Ihre Arbeit im Haushalts- und Pflegesektor spielte sich oft in der Schattenwirtschaft ab; die irreguläre Situation verschärfte ihre Lage zusätzlich. Selbst der Zugang zu Wohnraum wurde zur Hürde.
Hinter den Migrationsstatistiken stünden Menschen und Familien mit äußerst fragilen Lebensentwürfen, so die Forscherinnen. Eine einzige politische Entscheidung habe genügt, um diese Entwürfe vollständig zu verändern. Die Studie mache sichtbar, was Grenzschließungen für diejenigen bedeuten, deren Arbeit im Verborgenen den Alltag der Städte aufrechterhält.
Quelle: europapress.es